26.07.2016 – Fahrt nach Minsk

Den heutigen Tag könnte man auch schlichtweg mit der Überschrift „Tag der sinnlosen Bürokratie“ betiteln. Extrem früh schälten wir uns aus den Betten, hüpften noch schnell unter die Dusche, verschoben das Frühstück ins Auto, um zeitig über die Grenze zu fahren und heute noch etwas Zeit zu haben, Minsk schon einmal anzuschauen.

Da wir ja extra an den Grenzübergang Slawatycze gefahren waren, lachten wir uns schon einmal vorsorglich ins Fäustchen, wie viel schneller als in Terespol wir doch über die Grenze kommen und so total viel Zeit gut machen. Kurz nach 8 kamen wir dann auch tatsächlich los, das Navi versprach als Ankunft halb 2.

Wir kamen der Grenze näher, plötzlich ein Schild – „BY – Grenzübergang gesperrt“. Wir fuhren trotzdem noch die 2 km weiter, man weiß ja nie. An der Grenze kam schon uns schon ein Sonnenscheinchen von der polnischen Grenzüberwachung entgegen. Freundlich strahlend erklärte sie, dass der Grenzübergang tatsächlich zu sei und wir über Terespol fahren müssten. Die Tante war so froh, mal jemanden zu sehen und dementsprechend so freundlich, dass wir gar nicht böse sein konnten, jetzt doch den Grenzübergang nehmen zu müssen, den wir eigentlich vermeiden wollten. Auf der Fahrt nach Terespol las ich noch schnell ein paar Nettigkeiten über den amtierenden Präsidenten (Diktator) Weißrusslands Aleksandr Lukasenko vor, was uns noch ein bisschen ins Grübeln brachte, überhaupt in dieses Land einzureisen. Aber Augen zu und durch. Dann Terespol, 30 Grad und die erste Hürde. Eine polnische Grenzstation, warten, Pässe und Fahrzeugpapiere abgeben, Kofferraum auf, Blick hinein, Kofferraum zu, Pässe zurück, weiter. Noch eine polnische Station, warten, Schranke auf, weiter gehts. Erste weißrussische Station, warten, Kofferraum auf, Blick hinein, Kofferraum zu, Aushändigung der Immigrationskarten, der Zollkarte und der Mautinformationen. Beim Warten zur zweiten Station füllen wir die Immigrationskarten aus. Zweite Station- Auto abstellen, mit den Pässen und den Immigrationszetteln zum Grenzerhäuschen dackeln, abgeben, mit scharfen Blick angucken lassen. Unser Immigrationszettel ist falsch, wir sollen als Ziel Moskau und nicht Minsk angegeben. Die Frage nach einem Stift wird mit stillen Kopfschütteln abgelehnt. Also zum Auto dackeln, Stift holen, ändern. Bekommen Stempel in die Pässe. Dackeln mit dem Grenzer wieder zum Auto. Müssen Kofferraum, Dachbox und Motorhaube öffnen, Grenzer guckt gar nicht und lässt uns weiterfahren. Kommen jetzt zur dritten Station, der Zollstation. Pass abgegeben, Zollzettel abgeben und Schreck – die Fahrzeugpapiere sind weg. Versuchen weißrussischer Grenzerin mit ihren schwachen Englischkenntnissen und unseren schwachen Russischkenntnissen zu erklären, dass der polnische Grenzer uns wahrscheinlich vergessen hat, sie wiederzugeben, sie versteht nicht, wir werden verzweifelt. Nach zwei Minuten Panik dann Erleichterung, sie sind nur in die Ritze zwischen meinem Sitz und der Tür gerutscht. Christian muss mitkommen, bezahlt 4 € für eine Kopie des Zollzettels (vielleicht auch für die Kaffee- oder Wodkakasse, man weiß es nicht). Christian kommt mit Grenzerin wieder. Grenzerin fragt uns erneut, ob wir Alkohol dabei haben. Antwort reicht ihr scheinbar nicht. Kofferraum auspacken, Rucksäcke öffnen, Dachbox öffnen, Medikamente vorzeigen, Medikamente erklären, mehrmals die Frage nach Ephidrin und Codein verneinen. Die Grenzerin streichelt noch unsere Gasflasche, dann können wir mit dem Zollstempel endlich fahren. Nochmals warten, Kofferraum auf, weiter. Dann nur noch ein offener Schlagbaum. Können wir da wirklich durchfahren, ohne Warten, ohne Kofferraum öffnen? Tatsächlich. Alles in allem haben wir bei dieser zwar korrekten, aber extrem bürokratischen Prozedur zwei Stunden verbracht.

Aber wer jetzt denkt, dass es das war, hat weit gefehlt. In Weißrussland muss man Maut abdrücken, denn schließlich muss Lukasenko ja den Wahlbetrug oder das plötzliche Verschwinden von Oppositionellen irgendwie bezahlen. Nein, mal Scherz beiseite, die Straßen sind wirklich gut. Das ganze läuft über die Firma Beltoll und ein kleines Gerät, das hinter dem Rückspiegel an der Scheibe angebracht wird. Klingt ganz einfach? In der Praxis sieht das so aus: Christian läuft in Tankstelle, kommt nach 7 Minuten mit einem Diktiergerät ähnlichen Ding wieder. Er putzt damit über die Scheibe. Er geht wortlos wieder in die Tankstelle. 15  Minuten später, wir haben uns gerade gefragt, ob es in Weißrussland eine Mafia gibt und die auch Leute entführt, kommt er mit circa 20 Zetteln in der Hand und dem Mautgerät wieder. Eine deutsch sprechende Oma hatte ihm in der Tankstelle geholfen, den Vertrag mit Beltoll inklusive mehrerer Unterschriften auszufüllen. An der Tankstelle bekamen wir außerdem noch von einem Weißrussen einen Magneten des alten weißrussischen Wappens geschenkt, da er fand, dass unserer Aufklebersammlung einfach noch etwas fehlte. Das alte Wappen, ein weißer Reiter auf roten Grund, hatte Lukasenko abgeschafft und so gilt es als Zeichen der Opposition. Gefällt uns.

Noch einen Moment der Spannung gab es bei der ersten Mautkontrolle. Die Erklärung sah nämlich folgendermaßen aus: einmal piepen —> gut, zweimal piepen oder gar nicht piepen —> Problem. Zum Glück piepte das Gerät auch im dann folgenden halbstündigen extremen Starkregen bis nach Minsk ab und zu glücklich je einmal vor sich hin.

In Minsk ließ uns dann auch unser Navi einfach im Stich, dass scheinbar zwar Minsk kannte, aber keine einzige Straße im Verzeichnis hatte. Wenigstens schienen wir für viele Minsker so etwas wie eine neue Zirkusattraktion zu sein, da sie im Auto auf unser Auto zeigten und teilweise richtig euphorisch ausrasteten, mal einen Deutschen in ihrem Land zu sehen. Mit Karte navigierten wir uns dann zum Bahnhof vor, wo zwei Hostels liegen sollten. Da das eine aussah wie „wenn sie bei uns wohnen, unterschreiben sie automatisch den Vertrag, dass wir nachts ihre Organe entnehmen dürfen“ und das andere nicht aufzufinden war, gurkten wir weiter durch die Stadt, um endlich am Fluss Svislach ein Hostelzimmer zu finden, was wir uns nun mit drei Esten teilen.

Fahrzeit heute nach Google Maps: 5 Stunden. Reale Fahrzeit: 10,5 Stunden.

Mit Stadt angucken wurde heute nicht mehr viel, so dass wir morgen früh aufstehen, in die Stadt gehen und dann weiter nach Russland in die Nähe von Smolensk fahren. Angeblich soll das ganz ohne Grenzkontrollen von statten gehen…Wir glauben noch nicht so recht daran.

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Abfahrt von der Unterkunft in Ostpolen
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Warten auf das Essen in Minsk
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Verdauungsspaziergang an der Svislach

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