16.08.2016 – Sofia

Die Nacht verlief heute wieder etwas unruhig, da irgendeine Asiatin erst um 3 Uhr in der Nacht in das Hostelzimmer kam und unbedingt ihren 3 m großen Rollkoffer mit einem Mordsgetöse ins Zimmer schieben musste, ihn wieder hinausschob und wieder hineinschob und noch 20 Minuten im Zimmer umhertöste, bis sie endlich mal ins Bett ging. Wir haben das als versteckte Bitte verstanden, sie wiederum um 8 Uhr früh durch unsere Geräusche zu wecken. Gern geschehen. Durch das Hostelfrühstück mit Brot, Waffeln und Saft gestärkt, gingen wir an diesem Tag kurz vor 11 Uhr in Richtung des Gerichtsgebäudes in Sofia. Wir wollten die Stadt Sofia, die nicht wie die meisten Städte an einem Fluss liegt, sondern wegen der zahlreichen heißen Mineralquellen gegründet wurde, näher erkunden und wollten dazu um 11 eine kostenlose Tour durch die Stadt nutzen. Die Gruppe wurde in drei Teile geteilt und so gingen wir mit Svetla, einer ziemlich aufgedrehten gebürtigen Sofioterin 2,5 h Stunden durch die Stadt. Die ganze Tour wurde immer wieder durch quizartige Fragen unterbrochen, bei denen man ein typisches bulgarisches Minzbonbon gewinnen konnte. Christian (der Streber) räumte gleich zwei ab. Obwohl man auf diesen Touren natürlich nur einen oberflächlichen Blick von der Stadt bekommt, ist es doch eine gute Möglichkeit, Dinge zu erfahren, die auch im Reiseführer nicht stehen. Spannend war zum Beispiel, dass immer dann, wenn Sofia durch neue Mächte belagert wurde, nichts von den alten Mächten zerstört wurde, sondern einfach auf die alten Strukturen aufgebaut wird. So hat Sofia verschiedene Schichten, und man kann überall Spuren der Antike, der Griechen, der Ottomanen, des Kommunismus und natürlich der Neuzeit entdecken. Ein spannender Mix aus verschiedenen Architekturstilen. Auch die großen Weltreligionen sind in Sofia allesamt vertreten. Am sogenannten Platz der Toleranz liegen eine katholische und eine orthodoxe Kirche, eine Moschee und eine Synagoge direkt in Sichtweite zueinander. Unser Guide Svetla meinte dazu, dass dies doch Vorbild für die ganze Welt sein sollte, damit verschiedene Religionen friedlich zusammen leben könnten. Wenn doch alles so einfach wäre. Auch interessant ist, dass die Bulgaren im zweiten Weltkrieg den verhängnisvollen Fehler machten, sich nach einer längeren Neutralität den Achsenmächten anzuschließen. Dieses Bündnis führte dazu, dass Hitler schon bald vom damaligen König Boris III. forderte, die 50000 jüdischen Bulgaren deportieren zu lassen. Doch sowohl die Bevölkerung als auch der König weigerten sich. Da man nun aber dem Adi nicht sagen konnte: „Du Adi, das machen wir nicht!“, wurde eine nach Svetlas Aussage typisch bulgarische Macke angewendet. Man log und vertröstete und schob vor, dass die bulgarischen Juden noch für den Arbeitseinsatz im Land gebraucht werden würden. Dieses Spiel konnte tatsächlich so lange durchgehalten werden, dass fast alle bulgarischen Juden vor der Deportierung gerettet werden konnten. Kurz vor Ende des Weltkrieges kam dann allerdings doch noch die Quittung für das Suchen falscher Freunde. Die Alliierten entdeckten kurz vor Schluss doch noch Bulgarien auf der Karte und begannen mit heftigen Bombardements. Für die Sowjets war das ein gefundenes Fressen, denn nun konnte man anstelle der zerbombten Gebäude riesige kommunistische Protzbauten hinsetzen. Dennoch ist noch wirklich viel alte Bausubstanz erhalten geblieben, so dass Sofia historisch wirklich viel zu bieten hat. Wer sich für die Sehenswürdigkeiten der Stadt interessiert, guckt sich am besten unten die Fotos an. Die Tour endete an der wohl bekanntesten Sehenswürdigkeit der Stadt- der Alexander-Newski-Kathedrale. Sie ist die zweitgrößte orthodoxe Kirche Europas und wird nur noch von der Kathedrale des Hl. Sava in Belgrad übertroffen, die wir vor zwei Jahren schon bewunderten. Anders als dort ist die Kathedrale in Sofia erstaunlich leer und frei von hemmungslosen Ikonenknutschern. Die Jahre unter sowjetischen Einfluss verbunden mit der Zurückdrängung der Religionen haben scheinbar ihr Ziel nicht verfehlt. Die Beeinflussung ging sogar so weit, dass man ausnahmsweise zu Weihnachten einen westlichen Film im Fernsehen zeigte und so die Leute vor die Entscheidung Glotze oder Kirche stellte. Die Entscheidung kann sich jeder denken. Von der Alexander-Newski-Kathedrale gingen wir zu Fuß zu einem rein vegetarisch-veganen Restaurant in Sofia, damit Thommy das Ende der Reise auch noch lebend erlebt. Das Essen da war zwar nicht wirklich bulgarisch, aber wenigstens bekam Thommy wieder ein bisschen Speck (haben Veganer auch Speck??) auf die Hüften.

So ab jetzt kommt der etwas verrücktere Teil, da Christian sowohl die Haare schneiden musste, als auch die Jungs sich schon länger mit der Idee herumschlugen, sich ein Partnertattoo stechen zu lassen. Auf der Suche nach einem Friseur kamen wir an einem winzigen Laden mit drei Friseurinnen im Alter von circa 65 Jahren mit Kittelschütze vorbei. Nur kurz hineingeguckt, wurden wir praktisch auch schon hinein eskortiert. Zielsicher platzierte sie Christian auf den Stuhl, steckte ihm eine gelbe und eine lila Haarspange in die Haare und machte sich gleich ans Werk. Während ich mir schon Christian mit blonden Strähnchen und Dauerwelle vorstelle, werkelte die gute Frau professionell an Christian herum, scherte die langen Haaren ab, rasierte Kotletten, schnitt noch einmal mit der Schere nach und zupfte ihm sogar lange Augenbrauen aus. Die Frau verstand ihr Handwerk und nun hat Christian einen feschen bulgarischen 6 €- Haarschnitt. Anschließend suchten wir einen Tattooladen, bei dem man nicht schon beim Stechen an sofortiger Infektion abkratzt. Nachdem der erste Hinterhofladen geschlossen hatte, folgten wir einem an die Wand geschriebenen Hinweis „Tattoo“ in einen anderen Hinterhof. Obwohl dort alles darauf schließen ließ, dass wir garantiert den Hinterhof und den Treppenaufgang ohne Nieren wieder verlassen würden, machte das Studio einen ganz anderen Eindruck. Tatsächlich hatte der Tätowierer, der einem Kumpel von Christian und Thommy erschreckend ähnlich sah, auch in zwei Stunden Zeit. Also tranken wir noch ein Bier und trennten uns dann etwas im Streit. Nach mittlerweile fast 4 Wochen engsten Kontakt miteinander, ist bei mir irgendwie eine Leitung durchgebrannt. Diese ständige Zeit miteinander ist eine Herausforderung, die wir zusammen alle doch ziemlich gut meistern. Am Ende war es gut, dass wir mal nicht auf einem Fleck hockten, so dass wir jetzt auch für die restliche Zeit ohne Streit auskommen. Die männliche Seite ließ sich also vom „Chrissy“ ein Partnertattoo stechen, während ich ins Hostel essen ging und mir dann bei Kneipentour des Hostels etwas zu viel Rakija infiltrierte. Um 1 Uhr in der Nacht trafen wir uns dann vor dem Tattooladen wieder und gingen zusammen nach Hause ins Hostel, wo wir dann nach dem langen Tag einschliefen.

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Kirche Sweta Nadelja – hier fand 1925 ein Attentat statt, dass sich vor allem gegen den König Boris III. richtete. Er überlebte das Attentat, weil er zu spät kam. Da soll mal noch einer sagen, dass zu spät kommen immer schlecht ist 😉
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Die Statue der heiligen Sofia- der Beschützerin der Stadt
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Spuren der verschiedenen Bebauungsphasen Sofias – unten das antike Sophia, oben die Banja-Baschi-Moschee aus der Zeit der Ottomanen
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Ehemaliges Parteigebäude der kommunistischen Partei Bulgariens
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Regierungsgebäude
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Nationaltheater
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Diese Bänder stehen für einen alten bulgarischen Brauch. Am ersten März tauschen Freunde diese Bänder aus. Weiß steht für Glück und rot für die bösen Geister, die abgehalten werden sollen. Wenn man das erste Mal im Jahr einen Storch sieht, nimmt man das Band ab und hängt es an den nächsten Obstbaum.
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Alexander-Newski-Kathedrale, davor der Löwe – das Schutztier Bulgariens
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Christian vor dem Friseur
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Christian nach dem Friseur
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Partnertattoo ❤ 


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