23.07.2017 – Fahrt von Lwiw nach Nischyn (nähe russische Grenze)

Auch am nächsten Morgen mussten weitere Kilometer gemacht werden, also sprangen wir aus den Betten und holten uns im nächsten Supermarkt Brot und Aufstrich, der dann professionell geschmiert an das Fahrerraubtier verfüttert wurde. Auf wirklich guten Straßen neben Mais-, Getreide- und Sonnenblummenfeldern machte das Fahren auch wieder Spaß und wir kamen schnell voran. Obwohl wir die Polizei mehrmals sichteten, hatten sie keinerlei Interesse an uns und das obwohl wir die ganze Zeit keine Ahnung hatten, wie schnell man eigentlich auf den Straßen fahren durfte und uns so immer dem Durchschnitt der ukrainischen Fahrer anpassten.

Ein komisches Gefühl war es schon, durch Kiew durchzufahren und keinen Halt in der wirklich schönen Stadt zu machen. Da aber der Fokus der Reise auf anderen Ländern liegt, hieß es, nur vom Auto noch einmal einen Blick auf den Dnepr, die riesige Mutter Heimat-Statue und die Sophienkathedrale zu nehmen und uns zu konzentrieren, von den verrückten Kiewer Autofahrern nicht über den Haufen gefahren zu werden.

Kaum aus Kiew heraus, sahen wir einen Tramper am Rand stehen, der in Richtung Minsk wollte. Schnell wurden wir uns einig, ihn 100 km in die Richtung mitzunehmen, bevor wir weiter nach Osten abbiegen mussten. Wie sich herausstellte, war der 24-jährige Maksim aus der Nähe von Donezk, also aus dem unmittelbaren Kriegsgebiet. Was uns gleichzeitig überraschte und faszinierte war die Leichtigkeit, mit der er über das Leben im seit mittlerweile 3 Jahre andauernden Kriegszustand berichtete. Für ihn ist der Krieg Alltag. Dass er seit einem Monat durch Europa trampt, sei keine Flucht, sondern ein Wegkommen aus seinem langweiligen Provinzdorf. Da seine Eltern nicht weggehen können und wollen, ist das Arrangement mit dem Krieg wohl der einzige Weg. Trotzdem ist es abstrakt, wenn er uns erzählt, dass sie ab und zu ein Spiel daraus machen, wer sich bei einem Angriff als letzter in ein Gebäude rettet. Oder wenn er uns Bilder von Schmuck zeigt, den er aus selbst gesuchten Munitionsresten gebastelt hat. Eine ziemlich üble Narbe am Arm zog er sich zu, als er auf Materialsuche in ein plötzlich startendes Gefecht geriet und einen Schrapnellsplitter abbekam. Das alles erzählt er uns, als würde er von seinem letzten Besuch im Supermarkt erzählen. Er bietet uns sogar an, ihn zu besuchen. Wir lehnen dankend ab, wir haben wohl gleichzeitig eine Vorstellung vom Krieg und auch wiederum überhaupt keine. Maksim sieht jedenfalls nicht, dass der Krieg bald vorbei sein wird. Er hofft darauf, dass der Nachfolger oder die Nachfolgerin Putins den Krieg beenden wird. Noch lange, nachdem Maksim ausgestiegen ist, beschäftigt uns seine Erzählung und so richtig wissen wir nicht, was wir denken sollen. Ist es richtig, in einem Land Urlaub zu machen, in dem Krieg herrscht? Ist es richtig, in ein Land zu fahren, was den Konflikt weiter voran treibt? Ist es richtig, sich gut zu fühlen, dass man nicht im Krieg aufwächst, wenn es für andere junge Erwachsene zum Alltag gehört?
Mit all diesen Gedanken suchten wir uns an der Autobahn bei Nischyn auf halber Strecke zwischen Kiew und russischer Grenze ein günstiges, aber schönes Motel. Mit einem Gespräch mit viel Händen und Füßen bekamen wir ein Zimmer und Pelmeni, Bier, Kwas (ähnlich Malzbier, nur viel leckerer) und Preiselbeerwodka. Danach sperrte uns die Kellnerin ins Motel ein und öffnete uns erst wieder am nächsten Morgen.

 

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Ausblick aus dem Autobahn-Motel bei Nischyn

 


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