25.10.2017 – Yazd Part II

Auch heute standen wir etwas später auf, denn wir haben ja schließlich Urlaub und sind nicht auf der Flucht.
Nach einem guten Frühstück holten wir uns noch einmal den Rat des Internets und anderer Hostelbewohner ein, was wir zwischen verschiedenen Möglichkeiten machen sollen. Wir entschieden uns schließlich dafür, mit einem Taxi zu den Türmen des Schweigens und dann in die Wüste zu fahren. Die Wüstenentscheidung fiel vor allem deswegen, weil Christian darauf drängte, mit einem Motorrad oder einem Quad in der Wüste herumzueiern. Ja, das wäre möglich, sagte man uns und so ging es los.
Mehdi, unser Fahrer brachte uns zunächst aus dem Verkehrschaos heraus. Die Iraner beherrschen es perfekt, auch aus gar nicht so großen Städten wie Yazd mit 650.000 Einwohnern tägliche Riesenstaus entstehen zu lassen, in die sich jeder Auto-, Motorrad- oder Busfahrer nach Lust und Laune und vollkommen ohne Regeln hinein drängelt. Eine halbe Stunde später trafen wir an den Türmen des Schweigens ein. Diese sind auf einem Felsen gelegen und eine Begräbnisstätte der Zoroastrier. Diese Religionsgemeinschaft wurde von Zarathustra (so manchen Philosophie-Interessierten vielleicht von Nietzsches Werk „Also sprach Zarathustra“ bekannt) gegründet und zählt heute noch etwa 150.000 Anhänger. Der im Iran lebenden, etwa 25.000 Mitglieder starken Gemeinde wurde nach der Revolution das verboten, was bis dato auf den Türmen des Schweigens geschah. Biss ein Zoroastrier ins Gras, so fragte man sich natürlich, wohin mit diesem Zoroastrier. Einfach verbuddeln ging nicht, weil deren Glauben die Erde als heiliges Element ansieht. Da Leichen in der Regel die unangenehme Eigenschaft haben, die Erde ganz schön zu beschmuddeln, wurden diese kurzerhand innerhalb der oberen Mauern der Schweigetürme den Geiern zum gründlichen Abnagen dargeboten. Was dann übrig blieb, wurde sauber verpackt dann doch in die Erde gesteckt. Da dieser doch etwas unschöne Brauch jetzt verboten ist, werden die Leichen gleich nebenan mehr oder weniger einbetoniert.
Quicklebendig zogen wir jedoch mit Mehdi weiter in die Wüste. Irgendwann bog er auf einen Wüstenweg ab und nach 20 Minuten weiterer Fahrt erreichten wir eine Art Karawanserei direkt in der Wüste. Dort parkten recht viele Autos und eine größere Gruppe von Männern war gerade dabei, in diese einzusteigen. Plötzlich sahen sie Christian, stoppten jegliche Pläne und umringten ihn. Fotokameras wurden auf die Gruppe gerichtet, Fragen gestellt, während mir bedeutet wurde, mein Kopftuch bis an die Stirn zu ziehen und mich außerhalb hinzustellen. Nachdem ich auch gnädigerweise mich neben meinen Scheinehemann stellen durfte, stellte sich heraus, dass wir gerade dem Bürgermeister von Yazd und seinem Gefolge begegneten. Alles in allem eine sehr komische und für mich sehr unschöne Situation. Natürlich war mir bewusst, wie sich in diesem Land die öffentliche Stellung von Frau und Mann verhält. Wenn man dann aber auch das erste Mal offensiv so behandelt wird, als wäre man ein Stück Dreck, dass man nach Belieben herumkommandieren kann, ist das kein schönes Gefühl. Das war aber bisher ein Ausnahmefall. Denn auch, wenn die Gesetze der Sharia und die religiös-politische Führung die Rechte der Frauen mehr und mehr einschränken, versuchen gerade die jungen, aufgeklärten und gebildeten Frauen diese in einem ständigen Katz- und Mausspiel immer weiter auszuloten.
Als die Gefolgschaft des Bürgermeisters von dannen gezogen war, warfen wir einen Blick auf das Objekt der Begierde – die Quads. Wie sich jedoch schnell herausstellte, durften wir nur in einem 100 Quadratmeter großen Karree fahren- nein danke. Dafür erkletterten wir lieber eine Düne und sahen zu, wie die Sonne hinter dem weit entfernten Horizont versank. Als es dunkelte, tranken wir noch Tee mit dem Besitzer der Karawanserei, bis er uns einlud, eine Runde mit seinem Jeep in der Wüste herumzudonnern. Klar, wollten wir das. Mit Vollgas ging es über die Dünen. Was ein Spaß. Kein Spaß war jedoch, dass dieser sich dieses kurze Erlebnis königlich mit 10 Euronen bezahlen ließ. Wir ärgerten uns schon ein bisschen über unsere Dummheit, nicht vorher nachgefragt zu haben. Auch im gastfreundlichen Iran haben manche Leute natürlich auch nur Dollar-Zeichen in den Augen. Egal, davon ließen wir uns den Tag und den Abend nicht verderben.
Nach einem fürstlichen Abendessen mit Shuli (der Kräutersuppe), einer Gerstensuppe, Kebab für Christian und einem vegetarischen Khoresh Bademjan (Eintopfgericht mit Auberginen!) für mich zogen wir nach Hause und machten es prompt den Zoroastriern gleich. Nachdem mir Christian nicht glaubte, dass wir gerade im Dunkeln in einen riesigen Haufen Zement getreten waren, sanken wir schon in die notdürftig zementierte Straße ein. Was eine Sauerei. Bevor wir vollends mafia-style Betonschuhe anziehen mussten, reinigten wir das Ganze in der Pfütze.
Wieder im Hostel verbrachten wir noch zwei-drei gesellige Stunden im lauschigen Innnenhof. Auf einmal kam eine riesige Frauentruppe an. Und dann – Musi an und die Tanzschuhe ausgepackt. Der Besitzer des Hostels zeigte den Frauen, wo der Tanzhammer so hängt. Tanzen im Iran verboten und in gemischgeschlechtlichen Gruppen sowieso- Draufgeschissen! Mit guter Stimmung stiegen wir ins Taxi und ließen uns zum Busbahnhof bringen. Dort gingen wir lieber noch einmal gründlich auf Toilette, denn die nächsten sieben Stunden auf dem Weg nach Shiraz würde außer zum Beten nicht angehalten werden.
Nachdem wir einen Snack erhalten hatten, stellten wir mit Erschrecken fest, dass wir die Sitze überhaupt nicht so weit, wie versprochen, zurücklehnen konnten. Mit etwas Mühe fielen wir dann doch kurz nach Mitternacht in einen unbequemen Schlaf.

 

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Bei den Türmen des Schweigens
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Einer der zwei Türme des Schweigens

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Auf dem Turm des Schweigens, vor mir ist das Selbstbedienungsloch für die Geier
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Blick nach Yazd
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Kleines Suchspiel – wer findet uns?
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Allein in der Wüste

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Christians neuer Freund – Adoption ist beantragt!

 


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