28. – 31.07. 2018 – Nordossetien-Alanien, Inguschetien, Tschetschenien, Dagestan, Kalmückien und Wolgadelta

Nach der Abfahrt in Stepanzminda kamen wir nur wenig später an der georgisch-russischen Grenze an. Wir trennten uns zur Ausreise aus Georgien, doch die lief wie immer super professionell und schnell. Ein letztes Mal „Magluba“ und wir verließen dieses Land, dass immer noch ganz hoch von uns favorisiert wird. Georgien ist wirklich selbst für Familien und den größten Ostblockschisshasen empfehlenswert – sehr westlich gewandt, köstliches Essen, atemberaubende Natur, jegliches Getier zum Streicheln, eine historische und pulsierende Hauptstadt – einzig und allein die hohen Temperaturen und der Verkehr sind gewöhnungsbedürftig (eine gute Versicherung für ein Mietauto ist ein Muss!). 

Nun kamen wir jedenfalls an unserer absoluten Lieblingsgrenze an, beziehungsweise wir standen 1,5 km ohne Sicht auf den Übergang hinter einer Autokolonne. Wir machten uns schon vor Freude  bald ins Höschen, so sehr jubilierten wir schon vorher in Erwartung ellenlanger Zollerklärungen, zehntausender Fragen und vollkommen unverständlichem Gewarte. Damit fingen wir auch gleich erstmal an. Ein und halb Stunden später durften wir in die heiligen Hallen der russischen Einreise einfahren, um – natürlich – weiter zu warten. Eine weitere halbe Stunde später kontrollierte eine recht nette Grenzbeamtin unser Auto, während ein halbwegs englisch sprachiger Grenzbeamter genauestens alles kontrollierte. Ein wartender Este half Christian bei der Zollerklärung, die tatsächlich in Englisch vorhanden war. Freudestrunken sahen wir uns nach diesem tollen Anfang schon am Schlagbaum stehen, doch zu früh gefreut. Der Officer wolle mit uns reden. Wann der komme, fragten wir. „Maybe minutes, maybe some hours“ war die Auskunft. Na juhu. Tatsächlich kam schon eine halbe Stunde später ein junger Mann ohne Uniform zum Auto. Ich sollte mitkommen, Christian war noch bei den Zollsachen. Ein ungutes Gefühl, diesem Typen zu folgen und auf ihn dann in einem Gebäude zu warten, in dem alle Türen Gefängnistüren bemerkenswert ähnlich sahen. Dann die gleichen Fragen wie schon einmal „Woher?“ „Wohin?“ „Wie oft schon in Russland?“ „Warum waren Sie schon einmal an diesem Grenzübergang?“ „Welchen Beruf üben Sie aus?“ Nachdem ich schon erwartete, dass er mich gleich noch nach meiner verschwippschwägerten Tante vierten Grades befragen würde, ließ er mich gehen und so konnten wir nach vier Stunden endlich von dannen ziehen. 

Es war schon dunkel, als wir im Guesthouse in Wladikawkas in der Region Nordossetien-Alanien bei Oleg und Nadja , ihren sieben Kindern und Babuschka ankamen. Wir bekamen gerade eiskaltes Kompott (in Russland ein Getränk) und Wurst- und Käsestulle, da fiel der Strom aus. Egal, es schmeckte auch im Dunkeln und wir waren eh kaputt. Wir waren schon eingeschlafen, da ging das Licht an. Mit dem wiedergekehrten Strom konnten wir dann wenigstens noch den Dreck vom Körper duschen. Am nächsten Tag wurde uns gleich zum Frühstück Nudeln mit Hackfleisch und ein riesiges Stück Kuchen aufgetischt. Während wir dieses reichhaltige Mahl verzehrten, tauschten wir uns noch ein bisschen mit Oleg über die Geschichte der Region, die ossetische Sprache, die Straßen in Kasachstan (die sind- Zitat- „scheiße!“) und Gott und die Welt aus. 

Die Geschichte der zahlreichen teilsouveränen Gebiete in Russland ist mehr als kompliziert und reicht teilweise schon Jahrhunderte in die Zeiten von Völkerwanderungen zurück. Die Komplikationen zwischen Nordossetien, Tschetschenien und Inguschetien, die in Kriegen oder Terroranschlägen wie den in der Schule von Beslan mündeten, sind recht einfach gehalten so erklärt. Während die Osseten schon recht früh gemeinsame Sache mit den Russen machten, waren die Inguschen und die Tschetschenen mehr unter osmanischer Herrschaft. Das erklärt auch, das erstere vorwiegend Christen und die beiden letztgenannten dem Islam angehören. Als auch im Zweiten Weltkrieg die Tschetschenen und die Inguschen nicht so recht gemeinsame Sache mit Stalin machen wollten, ließ er kurzerhand hunderttausende Menschen aus diesen Regionen nach Kasachstan deportieren. In dieser Zeit übernahmen neben Russen auch Osseten das Gebiet. Auch nach der Rehabilitierung und Rückkehr dieser beiden deportierten Völker standen ihnen nicht die gleichen Gebiete zu. Dies und eine zunehmende muslimisch geprägte Radikalisierung einzelner Gruppen führten seit den 90-er Jahren immer wieder zu zahlreichen Gewaltakten.

Unsere anfangs bestehende Verunsicherung, durch Tschetschenien und Dagestan zu fahren, weil man über diese Gebiete in unseren und englischen Medien nichts Gutes beziehungsweise einfach annähernd gar nichts erfährt, wurde durch Oleg und auch schon andere zuvor zerstreut. Wahrscheinlich gibt es einfach zwei Arten von Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes- diejenigen, die man wirklich ernst nehmen sollte und diejenigen, die aus „Vorsicht-ist-die-Mutter-der-Porzellankiste“-Gründen heraus gegeben werden. 

Unser Weg nach Tschetschenien führte uns gleich erstmal in die Hände der Polizei und des Militärs. Die erste Kontrolle an diesem Tag, fünf weitere sollten folgen. Nachdem wir die erste Kontrolle hinter uns hatten, waren wir recht souverän. Keine linken Dinger, Korruption oder Unfreundlichkeit. Ganz im Gegenteil, stolz auf die paar wenigen deutschen Wörter, die sie sprechen konnten, begrüßten Sie uns heiter mit „Guten Tag“, „Wie geht es Ihnen?“ oder „(Hi)Itler kaputt“. Etwas kopfschüttelnd, aber begeistert zeigten Sie sich angesichts des Weges, der hinter uns lag und dem, der vor uns liegt und wiesen uns darauf hin, wie wir uns zu kleiden hätten. An der tschetschenischen Grenze konnte es der Beamte gar nicht fassen, dass wir keine Waffe dabei haben. Wir müssten doch wenigstens eine kleine Waffe haben, meinte er und lachte nur auf, als Christian ihm daraufhin sein winziges Campingmesser zeigte. Merke – nächstes Mal mit Panzerfaust und Machete nach Tschetschenien reisen, um Eindruck zu schinden. 

Tatsächlich sahen wir, angekommen in Grozny, nicht nur einen Mann mit der Waffe locker im Hosenbund. Grozny, die Hauptstadt der Region Tschetschenien ist mindestens genauso suspekt wie Tschetschenien selbst. Sie taucht ebenso schnell auf, wie sie wieder in der Steppe verschwindet, genauso wie das Stadtzentrum, das sich in ca. 1 km2 bestehend aus Riesenmoschee und etwa 5 supermodernen Hochhäusern zwischen heruntergekommene sozialistische Flachbauten drängt. Überall strahlen einem der derzeitige Präsident Kadyrow, sein 2005 ermordeter Vater und natürlich der Übervater Putin entgegen. Muss ich jetzt noch einmal etwas zur Menschenrechtssituation in Tschetschenien sagen? Okay- ganz kurz. Sie ist nett gesagt sehr suboptimal und nicht nett gesagt echt scheiße. So lange wollten wir uns auch nicht dort aufhalten, also statteten wir der Achmat-Kadyrow-Moschee einen Besuch ab, wobei ich, die ich dachte, dass ich langbeinig, langärmlig und mit Hijab schon echt gut ausgestattet bin, noch von der gestrengen Aufseherin in eine blaue, gemusterte Kombination aus Kittelschürze und Altkleidersack gesteckt wurde. So schön habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. In der Moschee selbst hingen ein paar Leute herum, nur wenige beteten, der Rest war anscheinend eher wegen der Klimaanlage und des offenen Wifis gekommen. Auch bei Höllentemperaturen ist schließlich der drahtlose Kontakt zu Allah wichtig. Auch wir gingen schön klimatisiert noch etwas essen und machten uns dann auf den Weg nach Dagestan. 

Da wir nicht von Aserbaidschan kamen, lagen leider die zwei größten Attraktionen Dagestans, nämlich die älteste Stadt Russlands Derbent und der Sulak-Canyon nicht auf unserem Weg. Dagestan und Tschetschenien sind keine reichen Gebiete, dafür ist zu viel passiert in der Vergangenheit, aber unsicher fühlten wir uns nicht. Wir übernachteten in Kisljar in einer ziemlich abgewrackten Sozialisten-Gastinitsa, vor der nachts ein gepanzertes Fahrzeug mit Militär Kontrollen durchführte. Die nette Herbergsmutter gab uns aber ein gutes Gefühl oder dass der Opelfahrer neben uns die ganze Zeit mit offenen Fenster parkte und als wir zum Essen in einem Café saßen, dass genauso hip war, dass es auch nach Kreuzberg gepasst hätte, verflog jeglicher Zweifel. Ja, es leben auch Menschen in Reisewarnungsgebieten. Und nur wenige sind die, welche die Reisewarnung hervorriefen.

Nach einer ziemlich guten Nacht tankten wir noch einmal richtig voll und holten genug Wasser, denn der Norden von Dagestan und das angrenzende Gebiet Kalmückien besteht so ziemlich aus nichts außer Steppe. Auf dem Weg kamen wir auf eine Umleitung und dann wollte uns Google Maps auch noch auf eine Straße schicken, die bei uns wohl eher als Übungsstrecke zum Motocross dienen würde. Wir fragten einen Toyoto-Corolla-Fahrer. „Ja, das ist die richtige Strecke nach Astrachan“, sagte er und deutete an, ihm einfach zu folgen. Gar nicht so einfach, denn die Russen sind nicht gerade dafür bekannt, ihr Auto zu schonen. Nach über 40 km Sand-, Schotter- und Holperpiste kam dann endlich eine einigermaßen ordentliche Straße. Wir hielten noch einmal an und es stellte sich heraus, dass seine Frau, seine Tochter und seine Mutter mit im Auto saßen. Während seine Tochter auf unserem Auto unterschrieb, schenkten mir die anderen Frauen des Autos eine ganze Tüte voller Pflaumen. Doch damit nicht genug, ich bekam auch noch eine Packung Schlüpfer geschenkt. Das war zwar mit Absicht das merkwürdigste Geschenk, was ich jemals von fremden Menschen bekam, aber trotzdem sehr nett. Nach ein paar Selfies ging es dann ohne unser Begleitfahrzeug weiter. 

Als sich aus der trockenen Steppe erste kleine Seen herauslösten, wussten wir, dass wir bald das Wolgadelta erreicht hatten. Wenig später kamen wir auch schon an der Unterkunft in Astrachan nahe der Wolga an. Wer jetzt darauf total gespannt ist, welche ornithologischen Entdeckungen wir im Wolgadelta gemacht haben, muss leider enttäuscht werden. Direkt ins Delta haben wir uns nicht mit dem Schiff tuckern lassen, auch wenn die Natur dort bestimmt schön ist. Paddeln wie im Spreewald wäre gut gewesen, aber die Bootsfahrt ins Wolgadelta verschoben wir dann lieber auf 50+. Zum Essen servierte uns eine Kellnerin im typischen Stil (post-) sowjetischen Service (wenn Blicke töten könnten) gegrillten Stör, Pelmeni und Salat. Köstlich! Zum Abschluss gab es noch ein paar Salzgurken mit „sto“ Gramm Beluga-Wodka und dann gingen wir glücklich und zufrieden nach Hause. Am nächsten Tag wollten wir die Grenze zu Kasachstan angehen. Also nochmal schlafen, damit man für den Nervenkrieg gut vorbereitet ist.

 

cof
Sylt – Nordseefeeling beim Frühstück in Wladikavkas
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Mini-Innenstadt Groznys
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Achmat Kadyrow-Moschee
sdr
Vor der Moschee
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Innenraum mit Blick auf die Minbar (Kanzel)
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Kuppeln der Moschee
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Flipper vor der Innenstadt Groznys
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Top Viersterneunterkunft in Kisljar/Dagestan
mde
Ohne Worte…
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„Straße“ auf dem Weg nach Astrakhan mit unserem Toyoto-Corolla-Begleitfahrzeug
dav
Unsere nette Begleitfamilie
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Kalmückien
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In Astrakhan an der Wolga
mde
Gegrillter Stör
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Pontonbrücke auf dem Weg zur Grenze
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Letzte Ausläufer der Wolga

 


2 Gedanken zu “28. – 31.07. 2018 – Nordossetien-Alanien, Inguschetien, Tschetschenien, Dagestan, Kalmückien und Wolgadelta

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