06.08. – 09.08.2018 – Turkmenistan

Nun sollte es also nach Turkmenistan gehen. Turkmenistan, einer der Länder, für das am schwersten ein Visum zu bekommen ist. Eines der Länder, das neben Nordkorea und Eritrea ganz oben in der Liste „Yeah, wir haben keine Menschenrechte“ spielt.  

Das erste Problem war für uns recht leicht gelöst, denn wir bekamen durch die Rally einen Letter of Invitation (Einladungsbrief), mit dem wir uns dann, so hofften wir jedenfalls, recht einfach unser Transitvisa für 5 Tage holen konnten. Nach dem Start 07.30 Uhr und einer Stunde Fahrt kamen wir an der Ausreise aus Usbekistan an. Schon hier wunderte man sich sehr, warum wir denn mit einem Transitvisa keinen Transit im eigentlichen Sinne, sondern nur wieder nach Usbekistan zurückwollten. Da wir dies auch als Knackpunkt ansahen, zitterten wir ein bisschen, aber man ließ uns nach der üblichen ewigen Prozedur gewähren. 

Danach die Einreise nach Turkmenistan. Mit ihren Camouflage-Overalls und ihren Fischerhüten sahen die Grenzbeamten jedenfalls nicht besonders furchteinflößend aus. Aber man soll ja ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen. Wir gaben unsere „Letter of invitations“ und die Reisepässe ab. Während wir warteten, sahen wir schon, wie usbekische Frauen derart durchsucht wurden, dass man sogar vor ihren Haaren im Kopftuch nicht Halt machte. Das könnte dauern. Nach 20 Minuten kamen dann die Reisepässe mit Visa zurück. Kostenpunkt für dieses einseitige Visum – 55 $, dazu 10 $ „Immigrationsgebühr“ und 8 $ „Gebühr für den Bankservice“. Macht also 73 $ pro Person. Ein gewaltiger Batzen Geld für 5 Tage, dachten wir. Aber was soll’s, jetzt war man ja einmal hier. Als es dann um das Auto ging, kam aber dann der Hammer. Wir sollten 156 $ bezahlen, davon 65 $ nur für Benzin. Die Erklärung war Folgende – Da Benzin in Turkmenistan so günstig ist, müssten Touristen eine Ausgleichssteuer bezahlen. Deutschland, vergiss die Straßenmaut! Wir verlangen jetzt Geld dafür, dass Benzin in der Schweiz oder in Norwegen noch teurer ist. Wir machten ordentlich Ärger an der Grenze für diese Unverschämtheiten, was eine ganz lustige Situation ergab. Der nicht des englischen mächtige Typ, der das Geld für das Auto haben wollte, verteidigte auf Russisch sein großartiges Land, während daneben ein junger, englischsprachiger Beamter uns erstmal verriet, wie schlimm die Korruption hier sei, dass die Währung auf dem Schwarzmarkt dreifach so hoch getauscht wird und dass eigentlich viele Turkmenen nur versuchen würden, uns unrechtmäßig Geld abzunehmen. Als der Autotyp nach den 156 $ noch 10 $ Trinkgeld haben wollte, zeigten wir ihm einen Vogel und machten ihm verständlich, dass er in einem echt verrückten Land lebt. Während er dies vehement abstritt, zeigte der junge Beamte hinter seinem Rücken mit den Fingern „ein bisschen“. Wir glauben, er wusste selbst, dass dieses bisschen noch stark untertrieben war. Nachdem das Auto wider Erwarten nicht nach allen Regeln der Kunst untersucht wurde, zogen wir von dannen. 

Obwohl wir gehört hatten, dass auf dem Schwarzmarkt ein besserer Kurs zu haben sei, suchten wir erstmal eine Bank auf. Niemand hatte uns gesagt, wo denn der Schwarzmarkt eigentlich sei (manchmal sind wir halt auch nur dumme Touris) und wir hatten es ein bisschen eilig, da wir noch am gleichen Tag in Derweze am Gaskrater ankommen wollten. Für einen Kurs von 1 Dollar zu 3 Manat tauschten wir, sodass wir dann wenigstens für diesen Kurs für 50 Cent pro Liter tanken konnten. Da der eigentliche Schwarzmarktkurs 1:15 ist, heißt das, dass das Benzin eigentlich für 10 Cent erhältlich ist (wenn man nicht schon 65 $ Ausgleichsgebühr bezahlt hat).

Der Gaskrater liegt abseits einer Straße, die von Norden in die südliche Stadt Ashgabat führt. Auf dem Weg nach Süden kamen uns etliche Mongol-Rally-Teams entgegen. Ständig mussten wir erklären, dass wir uns nicht verfahren hätten, sondern die Route über Russland genommen haben. Wie bereits gewarnt, war die Straße echt nicht die Beste. Eine nette Mischung aus Schlaglöchern, Schotter, Sand, Spurrinnen etc. machte uns das Leben schwer und die Uhr tickte unerbittlich weiter. Es gab nur zwei Optionen: im schwindenden Sonnenlicht zum Gaskrater eiern oder den nächsten Tag ohne Schatten in der Karakumwüste, einer der heißesten Wüsten der Welt verbringen. 

Jegliches Diskutieren über hätte, wäre, wenn brachte nichts mehr. Also mit Schwung hinein in das Vergnügen der 10000 verschiedenen Sandstraßen, die alle mal schlechter, mal besser und mal gar nicht zum Krater führen. Hinein ging es für uns genau 300 m, denn dann steckten wir zum ersten Mal fest. Ohne Sandbleche, nur mit Decke und Schaufel bewaffnet, hatten wir keine Chance gegen diesen fast Zement-feinen Sand. Wir verwarfen die Idee, einfach hier zu schlafen und gingen noch einmal zur Straße. Nachdem die hiesigen LKW-Fahrer ganze 50 $ für das Abschleppen wollten, gingen wir hinüber zu einem Mann, der neben einem kleinen Häuschen und einem Jeep auf einer Decke saß. Bevor wir erklären konnten, dass wir nur drei Dollar hatten (das war das einzige Kleingeld, alles andere war in größeren Scheinen), wurden wir auf seine Decke eingeladen, um mit ihm sein Kebab, Brot und seinen Wodka zu teilen. Nachdem wir drei doppelte Wodka drin hatten, erklärte er uns, dass er übrigens schon eine ganze Flasche zuvor ausgetrunken hätte und er jetzt bereit wäre, unser Auto zum Krater zu fahren. Nach dem Motto „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“, befreite Albek das Auto mit Hilfe eines befreundeten Jeepfahrers und fuhr es dann bis etwa halbe Strecke den Berg hinauf. Von hier aus würden wir es nun allein schaffen, meinte er. Dies ging auch ganz gut, bis wir nur ein paar Minuten später im nächsten Sandloch steckten. Dieses Mal war es eine turkmenische Familie im Jeep, die Flipper wieder hinauszog. Weiter ging es bis zur nächsten Wegkreuzung. Wir entschieden uns für den linken Weg. Falsche Entscheidung. Wir steckten fest. Sand bis zu den Schwellern. Keine Chance. Das Glühen des Kraters in der stockdunklen Nacht erschien so nah, doch wir waren so weit entfernt, auch nur im Geringsten weiterzukommen. Nachdem wir erneut beschlossen hatten, einfach an Ort und Stelle zu nächtigen, tauchte auf einmal eine Motorradgang aus circa 8 Männern auf. Trotz dass wir ihnen erzählten, wir hätten kein Geld mehr, fingen sie wie die Wilden zu buddeln an. Wir waren fast frei, da kamen andere Mongol Rally-Teams an und fuhren natürlich wie die Motten vom Licht angezogen auch noch voll in die falsche Straße hinein. Statt einem, steckten jetzt vier Autos fest. Nach kurzem Beratschlagen einigten wir uns darauf, dass die Mopedgang uns für 5 $ pro Karre ausbuddelt und den richtigen Weg zum Krater weist. Eine halbe Stunde später, um 1 Uhr nachts kamen wir nach 5 h Kampf für circa 10 km Weg zwar ohne Unterbodenschutz (den hatten wir abmachen müssen, weil er sich voll Sand gefressen hatte) erschöpft, aber glücklich an. 

Das alles für ein brennendes Loch? Lohnt sich denn das, fragt sich jetzt sicherlich mancher. Doch wer hat noch nie am Lagerfeuer gesessen und konnte die Augen nicht von den Flammen lösen. Jetzt stellt euch mal vor, das Lagerfeuer würde einen Durchmesser von 69 Metern und 30 m Tiefe haben und seit über 60 Jahren mit Temperaturen um die 1000 Grad Celsius brennen. Im Gegensatz zu manch anderen der mehr als 25 Teams, die an dem Tag auch am Krater waren, ließen wir uns lieber mit etwas Sicherheitsabstand die nach Gas riechende, stahlwerksheiße Luft um die Nase wehen. Immer wieder gab es kleinere Explosionen im Krater und überall züngelten Flammen. Ein gewaltiger Anblick. Nach einer Dose Linsensuppe gab es noch ein Bierchen mit den anderen Teams. Danach waren wir so müde, dass wir uns einfach auf dem Boden zwischen den Autos auf die Isomatten fallen ließen. In sternklarer Nacht, beleuchtet vom Schein des Feuers schliefen wir nach über 19 h auf den Beinen ein. 

Am nächsten Tag staunten wir nicht schlecht, denn bei Tag sieht der Krater wie erloschen aus. Nach dem Frühstück behauptete ein Team, ganz sicher den Weg über gute Straßen wieder hinaus auf die Straße nach Ashgabat zu kennen. Wie die Schafe folgten wir mit 9 anderen Teams den angeblichen Kennern, nur um nach kürzester Zeit festzustellen, dass sie genauso wenig wie alle anderen wussten, wo es langgeht. Nachdem die ersten schon wieder feststeckten, tauchte erneut die Mopedgang auf. Sie erkannte uns und wollte uns kostenlos helfen. Nachdem ein Team aus lauter Frauen, dass uns mit zwei anderen gefolgt war, die Mopedfahrer anbrüllten, weil sie angeblich wegen ihnen feststeckten, fuhren diese zu Recht verärgert weg. Zum Glück kam nach kurzer Zeit ein LKW, der uns für 5$ pro Auto den Weg zeigte und bei Bedarf abschleppte. Wir waren gerade fast an der Straße angekommen, nur 5 Meter fehlten, da steckten wir erneut fest. Und das Schlimmste- Flipper sprang nicht mehr an und gab außerdem den Schlüssel nicht mehr her. Das durfte doch nicht wahr sein! Nachdem der LKW uns die letzten Meter zur Straße brachte und das Auto mit etwas Starthilfe wieder ansprang, sah die Welt schon etwas besser aus. Nach den 4 h Abfahrt vom Krater verging der weitere Weg nach Ashgabat, der Hauptstadt Turkmenistans wie im Flug.

Auf Empfehlung steuerten wir in Ashgabat ein Hostel an, bei dem ein Zimmer nur 10 $ kosten sollte. Problem: Es gab nur noch „Deluxe“-Zimmer für 30 $. Dafür bekam man dann ein Zimmer mit einem Brett statt einer Matratze und einem Gemälde an der Wand, was verdächtig nach der Darstellung der Apokalypse aussah. Wenigstens gab die Dusche genug warmes Wasser, um den hartnäckigen Dreck von Derweze wieder abzuwaschen.

Am nächsten Tag sprang Flipper wider Erwarten ohne Probleme an. Auch den Schlüssel im Zündschloss gab er nach einer viertel Flasche WD40 wieder her. Auf dem Weg zum Markt, überholte uns ein deutsches Team. Nachdem wir gerade Matze und Anka gesagt hatten, dass wir gemeinsam fahren könnten und wir anfuhren, ging Flipper in der Fahrt mit einem Qualmen und einem Geräusch aus, dass nichts anderes bedeuten konnte, als: „Leute, ihr habt mich genug gequält, das war’s jetzt!“. Wir versuchten es dennoch mit Starthilfe und siehe da, er lief wieder. Jetzt bloß nie wieder ausgehen lassen. Großartige Stadtrundgänge durch Ashgabat sparten wir uns, man durfte sowieso nirgendwo parken und fotografieren. Insgesamt hinterließ die Hauptstadt Turkmenistan einen seltsamen Eindruck. Im Jahre 1948 von einem Erdbeben fast vollkommen zerstört, wurde sie vorwiegend vom ehemaligen Präsidenten Nyyazow (genannt „Türkmenbasy“) neu gestaltet. Dieser echt vollkommen abgedrehte Machthaber ließ nicht nur im ganzen Land Statuen von sich und seinen Eltern aufstellen, sondern die ganze Stadt mit weißen Marmor überziehen. Die Innenstadt gleicht einem Museum. Riesige weiße Prunkgebäude, Polizei an allen Ecken und Enden, alles blitzsauber, aber kaum Menschen auf den Straßen. Die Vorstädte bestehen aus drei verschiedenen Häusermodellen, welche dann über Kilometer dicht an dicht gereiht nicht zu unterscheiden verbaut sind. Stellt euch mal vor, in eurer Nachbarschaft sehen noch 500 Häuser exakt gleich aus und dann wollt ihr nachts besoffen nach Hause laufen. Dazwischen Propaganda so weit das Auge reicht – der aktuelle Präsident Berdimuhamedow mit Kindern im Arm, mit Welpen im Arm, mit Welpen im Arm auf dem Pferd. Wer kann schon mit zwei Welpen im Arm reiten? Wer kann schon schwarze Autos verbieten, weil ihm schwarz einfach nicht gefällt? Der Präsident kann es! 

Wir beschlossen, Nordkorea am Kaspischen Meer langsam, aber sicher wieder zu verlassen. Mit ständiger Starthilfe und den anderen Deutschen verbrachten wir noch eine Nacht etwas abseits der Straße mit Wildcamping und dann fuhren wir zur Grenze bei Turkmenabat. Wir waren gespannt, wie viel Geld dieses Land noch von uns für die Ausreise verlangen würde…

Resultat Turkmenistan: Teures „Vergnügen“ für ein Land, in dem menschenrechtlich noch mehr schief läuft, als in vielen anderen Staaten dieser Reise. Die Menschen sind wahrscheinlich sehr nett, doch sie haben anscheinend Order bekommen, dass sie nicht allzu viel Kontakt mit Ausländern zu pflegen haben. Die Karakurumwüste und der Derweze-Gaskrater sind landschaftlich umwerfend und sicherlich gibt es bei einem längeren Visum noch mehr zu entdecken. Diese bekommt man jedoch nur im Rahmen geführter Touren. In Anbetracht der vielen, anderen Länder, die es gibt, kann man sich Turkmenistan auch getrost im wahrsten Sinne des Wortes „sparen“.

 

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Wenige Meter von der Straße auf dem Weg zum Gaskrater. Wir stecken fest. Sieht alles gar nicht so schlimm aus, aber wenn unter dem Sand nur weiterer Sand ist, bleibt ein Wegkommen aussichtslos.
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Am Gaskrater
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Panorama des Gaskrater
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Im frühen Morgengrauen
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Der Gaskrater vom Auto aus gesehen
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Unser Schlafplatz in Derweze – mit Blick auf den Krater (wenn man nicht wie Christian gerade schläft)
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Rückweg – welcher der 10000 Wege wohl der Richtige ist?
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Auf dem Weg nach Ashgabat wollten wir an diesem See das Auto grob reinigen. Blöd nur, dass dies ein Salzsee war und wir dem eh schon geschändeten Auto nun noch einen dicken Salzpanzer verpassten.

 

 

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Wenigstens der Fahrer ist noch glücklich, wenn schon das Auto so gelitten hat.
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Der Preis in der Kategorie „Verstörendste Hotelbilder“ geht an das Hotel in Ashgabat.
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Matt in einem turkmenischen „Intershop“. Weihnachten kann ja nicht früh genug kommen. Vor allem bei 40 Grad Celsius Außentemperatur in einem muslimischen Land. Na dann: „Frohes Fest!“
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Ashgabat – weißer Marmor so weit das Auge reicht. Für weitere Fotos googlet mal „Ashgabat“. Wir hatten keinen Bock auf Polizei wegen Fotoverbot und haben stattdessen lieber unauffällig gefilmt.
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Blick auf Ashgabat. Das Gebäude rechts ist ein…(Da kommt ihr nie drauf) ….Standesamt. In ihm kann man ganz geschmeidig mal eben eine 500- oder eine 1000-Gäste-Hochzeit steigen lassen.
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Polizeikontrolle in Turkmenistan. Korruptionsversuch abgewendet und Polizei zum Unterschreiben auf dem Auto genötigt. Check!
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Achtung, Achtung- Kamele auf der Mittelspur! Auf dem Weg nach Turkmenabat.

 


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