03.10. – 25.10. 2018 Nepal/ Anika auf dem Annapurna-Circuit-Trek

Nepal begann für uns beide schmerzhaft. Mit einem lauten Knall setzten wir mehr als unsanft auf der Landebahn in Kathmandu auf. Da halfen auch die zwei zuvor im Flugzeug genossenen „Everest“-Bier nicht dabei, dass wir erst einmal einen ganz schönen Schrecken verdauen mussten. Im Terminal, das eigentlich mehr oder weniger nur aus einer lang gestreckten Baracke besteht, hieß es erst einmal warten und seinen Platz verteidigen, denn ein paar dreiste Teenager-Nepalesen nahmen es mit dem Schlange stehen nicht so ernst. Nachdem ungewöhnlicherweise zur Einreise unser Handgepäck noch einmal gescannt wurde, hieß es, die Ankunftskarte und ein Antragsschreiben für das Visum zu bekommen und regelgerecht auszufüllen. Zufrieden nahmen die Grenzbeamten das Papier und noch zufriedener die 25 USD für ein 15-Tage-Visum von Christian und die 40 USD für ein 30 Tage gültiges Visum von mir entgegen.

Dann stand wieder der übliche Prozess an – Geld holen, Simkarten besorgen und uns dann Gedanken machen, wie wir vom Flughafen zum Hostel kommen. Ich war gerade wieder zurück vom Geld holen und machte meinen üblichen geistigen Chaos-Queen-Check (Handy, Geldbörse und sonstigen wichtigen oder wertvollen Kram), da fiel mir auf, dass die Kreditkarte, die ich gerade benutzt hatte, nicht mehr aufzufinden war. Panisch kramte ich an allen möglichen Stellen, an denen ich diese hingelegt haben könnte – nichts. Auf dem Weg zurück zum Geldautomaten verabschiedete ich mich schon einmal. Bestimmt geklaut oder wegen zu langer Wartezeit eingezogen. Ich kam an, keine Karte mehr da. Da rief jemand und ich drehte mich um. Ein Polizist stand schon da und wedelte mit der Karte. Dass ich der Besitzer sein musste, war wohl der Panik in meinen Augen anzusehen. Nach fünftausend Mal „Dandiwat“ konnten wir nun mit Christian, der nur den Kopf über meine Verplantheit schüttelte, ein Taxi am Flughafen vorbuchen, welches uns dann zum Hostel brachte. Fast Mitternacht waren wir froh, als wir im „Elbrus Home“ in unser Bettchen fielen. 

Über den nächsten Morgen freute ich mich besonders, denn da reisten meine Dresdner Freunde Hoffi und Alfred an. Natürlich lernt man auf Reisen viele nette Menschen kennen, aber wenn es klappt, dass man in so einem langen Jahr Besuch von Freunden hat, dann ist das schon etwas ganz Besonderes. Das Wiedersehen feierten wir erstmal bei einem ordentlichen nepalesischen Essen. Die tibetische Nudelsuppe „Thukpa“, einer Art dicker Gemüseeintopf, sagte mir Suppenkasper gleich zu. Schon beim Zubereiten der Speisen fiel uns auf, welche Zutat die Nepalesen neben Chili besonders mögen. Da Knoblauch gegen die allseits gefürchtete Höhenkrankheit helfen soll, wird er hier in rauen Mengen verzehrt. An diesem Tag erledigten wir auch noch den nötigen Papierkrieg, der für unsere Wanderungen nötig ist. Eingequetscht in einem Minitaxi, dass unsere Erinnerungen an Flipper hochkochen ließ, wurden wir bei der Tourismusbehörde abgeladen. Für die Wanderungen braucht man ein allgemeines Permit (auch TIMMS genannt) und noch einmal ein spezielles für die Art von Tour, die man machen möchte. Da Christian alleine und Hoffi, Alfred und ich im gleichen Gebiet wandern wollten, bezahlten wir je 31 € für diese Formalien. 

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Wiedersehen mit Hoffi und Alfred

Am nächsten Tag gingen wir nach dem Frühstück auf Shoppingtour, denn einige Dinge für das Wandern schleppten wir natürlich nicht die ganze Zeit mit uns herum. Für mich waren vier Dinge besonders wichtig. Ein paar Wanderstöcke, von denen ich mir erhoffte, Knieschmerzen möglichst lange hinaus zögern zu können; eine Sonnenbrille in Kindergröße gegen die Höhensonne, eine dicke Daunenjacke und für mich ständig Hungernden eine ordentliche Portion Snacks, damit ich zum Hungermonster mutiere. Es dauerte fast einen halben Tag, bis wir uns durch die schier unendliche Anzahl an zumeist mit gefälschten Artikeln handelnden Outdoorgeschäften auf dem Thamel gewühlt hatten und jeder so seine Siebensachen dabei hatte. Der Preisunterschied zwischen den Fälschungen und den tatsächlichen Markenprodukten ist erheblich. So kostete die „Mammut“-Daunenjacke nur in etwa 10 % des Originalpreises. Während Christian sich dann ermüdet vom vielen Shopping auf das Zimmer zum Chillen zurück zog, trainierten wir schon einmal ein bisschen am „Swayambhunath“ für zukünftige Bergetappen. Die Klosteranlage, welche buddhistische und hinduistische Einflüsse vereint, liegt hoch oben über der Stadt. Wenn man es an den teils sehr aggressiven Rhesusaffen und die unzähligen Stufen hinauf geschafft hat, wird man mit einem tollen Ausblick auf die Stadt, verschiedenen Stupas, Tempeln und tausenden von Gebetsfahnen belohnt. 

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Shoppingtour am Thamel. Nepal ist auch ein Traum jedes Elektrikers..
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Bei so vielen Affen am Tempel nimmt selbst der mutigste Hund Reißaus…
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Swayambhunath – Tempelanlage
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Gebetsmühlen drehen wurde auch in den nächsten Tag ein recht häufiges Ritual. Man geht übrigens immer links vorbei, um die Mühlen mit der rechten Hand zu drehen.

Nachdem wir am Vortag noch ein paar Bierchen weg gehauen hatten, fiel es am nächsten Morgen extrem schwer, sich in aller Hergottsfrühe aus dem Bett zu quälen und zum Bus zu laufen, der 8 Uhr Kathmandu in Richtung Pokhara verlassen sollte. Da Hoffi, Alfred und ich auf dem halben Weg den Bus verlassen mussten, war das die letzte Zeit, die Christian und ich miteinander hatten, bevor wir uns für eine Zeit lang trennen würden. Der Abschied verlief kurz, denn plötzlich hielt der Bus und man teilte uns mit, wir wären in Dumre und sollten schnellstmöglich unsere Hintern aus dem Bus bewegen. Das Gepäck wurde förmlich hinaus geworfen und noch bevor man kontrollieren konnte, nichts vergessen zu haben, zischte der Bus auch schon in einer Staubwolke davon. Kaputt von der holprigen Fahrt gaben wir einem der uns umlagernden Taxifahrern nach, uns nach Besi Sahar, dem Startpunkt des Annapurna Circuit zu bringen.

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Abmarsch mit Sack und Pack zum Bus in Richtung Pokhara

In Besi Sahar waren wir sehr erstaunt. Keine Touristen weit und breit, die Stadt wirkte wie ausgestorben. Dafür konnte es nur zwei Gründe geben. Entweder der Annapurna Circuit war in Wirklichkeit gar nicht so überbevölkert, wie alle berichteten oder der Bau der neuen Straße hatte dazu geführt, dass sich die Leute ganz einfach mit dem Jeep in höher gelegene Orte des Circuits bringen ließen. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass die zweite Option richtig war. Wir waren etwas desillusioniert, die ersten drei-vier beschwerlichen Tage nicht nur ständig zu sehen, dass es andere viel einfacher haben, sondern dass es auch in diesen Tagen manchmal keine andere Möglichkeit gibt, als an der staubigen Straße nebenher zu laufen und den Dreck der Jeeps zu fressen. Wir machten uns damit Mut, dass wir zumindest dann besser auf Anstrengung und Höhe vorbereitet wären und dass auch immer wieder Abzweigungen von der Jeepstraße in die Natur gingen. 

 

 

Nachdem wir uns dann am 07. Oktober früh unseren Haferschleim, ein sinnvolles, aber nicht leckeres Frühstück, hineingequält hatten, stapften wir los. Außerhalb des Ortes ging es über die erste von unzähligen, abenteuerlichen Stahlhängebrücken zu Treppen, welche die Richtung der nächsten 10-12 Tage vorausgeben sollte – ohne Erbarmen steil bergauf. Bei tropischen Temperaturen und unzähligen Stufen lief der Schweiß in Strömen und man war froh, an einer der Flüsschen Rast zu machen, Wasser zu filtern und sich ein bisschen zu erfrischen. Durch Reisfelder und Regenwald führte uns der erste Tag und es hätte so schön sein können, wenn es nicht auch verdammt anstrengend war. Mein Rucksack, der mit etwa 16 Kilogramm viel zu viel für meine Statur war, drückte und es war schwer, das Tempo mit Alfred und Hoffi zu halten, die erstens Mal fitter als ich über 3 Monate in Autos, Züge, Busse und Flugzeuge eingequetschte Person waren und zweitens mit erheblich mehr Körpergröße und Schrittlänge als ich aufwarten konnten. Als wir gegen vier Uhr nach 7 h Wanderei in unserem ersten Zielort Ngadi ankamen, war ich trotz der nur rund 200 überwundenen Höhenmeter einfach vollkommen fertig. Während ich meine vom Hüftgurt entzündeten und angeschwollenen Hüften, Rötungen an den Schlüsselbeinen und schmerzenden Füße so betrachtete, fragte ich mich nicht zum ersten Mal an diesem Tag, warum ich diesen Scheiß eigentlich mache. Zumal die brettharten Betten und die Hocktoilette, deren Spülung aus einem Schöpfbecher bestand, richtig Laune auf die weiteren Tage machte. Aber Aufgeben am ersten Tag? Keine Option!

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Reisterassen am ersten Tag der Wanderung
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Hoffi und Alfred beim Trinkstopp

Also wurde sich am nächsten Tag aus dem Bett gequält, mit mehr Widerwillen als am gestrigen Tag der Haferschleim hineingefahren und weiter ging es auf des Schusters Rappen. Besonders gemein ist, dass jedes Dorf scheinbar auf einem eigenen Berg liegen will und ehe die erreichten Dorftore ein weiteres erreichtes Zwischenziel darstellen, muss man sich erst einmal gehörig nach oben quälen. Das Mithalten mit Hoffi und Alfred klappte zusehends weniger und entmutigte mich, das überhaupt zu schaffen. Gerade als ich ein bisschen zurück hing, kamen zwei nette Australierinnen mit ihrem Porter, die nicht schlecht staunten, was ich alles mit mir herumtrug. Tatsächlich hatten die meisten Wanderer zumindest einen Porter oder zusätzlich einen Guide engagiert. Die meisten der guten Porter stammen aus der Everestregion, gehören zum Volksstamm der Sherpa, sind Buddhisten und sind schon von klein an daran gewöhnt, schwere Lasten zu befördern. So tragen sie an einem Gurt, den sie an ihrer Stirn und nicht auf ihrem Rücken tragen, bis zu 40 Kilo oder sogar mehr mit sich herum. Unsereins würde da wahrscheinlich sofort das Genick weg knicken. Die Australierinnen gaben mir einen unheimlichen Motivationsschub, der aber nicht darüber weg blenden konnte, dass ich mit meinen Kräften vollkommen am Ende war. Als wir gegen viertel 5 in Jagat ankamen, ruhte ich mich auf einem Holzstapel aus und hätte am liebsten da bleiben oder noch lieber da sterben wollen. Doch wir waren wieder nicht so weit gekommen, wie wir wollten. Für Alfred, der schon einen Heimflug nach Deutschland hatte, lief die Zeit und wir konnten uns keine viel kleineren Etappen, als eigentlich geplant war, gönnen. Also rappelte ich mich noch einmal auf und wir liefen noch eine dreiviertel Stunde in den Ort Ghatte Khola, der aus nichts anderen als einem Guesthouse bestand. Nach 9,5 h und 20 km Wanderei mit etlichen Höhenmetern auf und ab war ich komplett fertig. Alles schmerzte. Dazu kam noch, dass Hoffi leise Zweifel anmeldete, ob ich das wirklich schaffen könnte. Ich schätze immer Ehrlichkeit und der Einwand hatte durchaus seine Berechtigung, doch in meinem Zustand konnte ich das überhaupt nicht vertragen. Obwohl Alfred versuchte zu vermitteln, herrschte an diesem Tag zwischen uns beiden dicke Luft, die auch eine heiße Dusche und das Dal Bhat (das Nationalgericht Nepals, dass hauptsächlich aus Reis, eine Sauce aus Hülsenfrüchten besteht, immer wieder nachgefüllt wird und deshalb ordentlich satt macht und Energie gibt) nicht so recht wieder dünner machen konnte. 

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Landschaft von einer der unzähligen Hängebrücken aus gesehen,

Am dritten Tag der Wanderung schlug ich nach nur ein paar Kilometern den Jungs vor, uns zu trennen und uns im Zielort wiederzutreffen. Denen war das gar nicht so recht, denn sie hätten auch gerne gewartet. Ich wollte aber lieber mein eigenes Tempo suchen und da man aufgrund der vielen Wanderer auf der Strecke auch bei einem Notfall nie allein war, willigten die Herren etwas widerwillig ein. Nach dem ersten Anstieg traf ich auch die Australierinnen wieder. Endlich hatte ich mal Zeit, in langsameren Tempo auch etwas von der atemberaubenden Natur mitzubekommen. Vorher war ich viel zu sehr auf mich konzentriert gewesen. Beim Quatschen über Gott und die Welt verging die Zeit wie im Flug und nach dem Mittagessen bei den üblichen gebratenen, Kraft spendenden Nudeln war es nur noch ein zweistündiger Fußmarsch bis in unser heutiges Ziel Dharapani. Dort fragte ich einfach die Guesthouses, ob sie einen riesigen Menschen gesehen hätten und gleich beim zweiten war Alfred mit seinen fast 2 Metern wirklich aufgefallen. Die beiden waren schon seit circa einer Stunde da und vollkommen fertig. Zu ihrer Verteidigung muss man sagen, dass die beiden einen Teil der Strecke auf einem deutlich anstrengenderen Weg gelaufen waren, der nach dem Bau der Straße zur Vermeidung eben jener angelegt wurden war. Ich hatte auf dem Jeepweg zwar wahrscheinlich deutlich mehr Staub geschluckt und nicht so schöne Natur gesehen, war aber froh, zum ersten Mal beim Ankommen nicht total am Ende zu sein. 

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Wasserfall auf dem Weg nach Dharapani
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Bergauf, bergauf…

Am nächsten Tag lernte ich durch eine Nachfrage nach dem richtigen Weg Helen aus England kennen, die alleine mit ihrem Guide Dorjy und ihrem Porter Pasang unterwegs war. Helen war schon fünfmal mit Dorjy in Nepal auf verschiedenen Treks unterwegs gewesen. Netterweise luden sie mich ein, mit ihnen zu laufen, was sich sobald als echter Glücksfall heraus stellen sollte. Dass Dorjys Motto „Langsam, langsam“ war, lag nicht an seinem Alter von etwa 65 Jahren, sondern daran, dass er aus Erfahrung wusste, dass es in der Höhe und Anstrengung mehr als schlecht ist, außer Atem zu kommen. Und Erfahrung hatte er, denn schließlich hatte er schon als Porter, später als Kitchen Boy und dann als Guide angefangen, als der Bergtourismus in Nepal noch in den absoluten Kinderschuhen steckte. Ich wäre an diesem Tag sicherlich ein bisschen schneller gelaufen, aber als wir beim Mittag ankamen, dachte ich: „Was schon? Ich hätte jetzt noch weiter laufen können!“ Dass langsame Laufen, den Rucksack, der Dank Hoffis Hilfe jetzt nicht mehr so doll an den Hüften scheuerte, die mit Kinesio-Tape abgeklebten Hüften und Schlüsselbeine und vielleicht auch die langsame Gewöhnung an die Belastung taten ihre Wirkung. Als die gebratenen Nudeln gerade serviert wurden, kamen zu meiner Überraschung Hoffi und Alfred um die Ecke. Sie hatten (typisch Mann 😀 ) nicht nach dem Weg gefragt und waren auf der Suche nach dem Trek abseits des Jeepweges immer tiefer in die Berge gelaufen. Entsprechend kaputt durch den unnötigen Umweg liefen sie dann langsam mit uns weiter bis zu unserem Zielort Chame. Dort war Pasang, der erst 17-jährige Porter trotz Gepäcks von sich, Helen und Dorjy, schon längst da und hatte schon ein Zimmer für uns und sich gebucht. Auch in den nächsten Tagen konnte ich nur den Kopf darüber schütteln und staunen, wie schnell und scheinbar mühelos der Sherpa die Wege trotz circa 25 kg Zusatzgewicht bewältigte. Am Feuer im Speisesaal fragten wir Dorjy Löcher in den Bauch über den weiteren Weg und fühlten uns dabei echt ein bisschen schlecht, da es ja nicht unser Guide war, den wir bezahlt hatten. Für Helen und vor allem für Dorjy, der sich freute, wenn jemand ihn um Rat fragte, war dies jedoch vollkommen okay. Nach einer ordentlichen Portion Dal Bhat schlüpften wir schnell in unsere Schlafsäcke, denn spätestens ab dieser Nacht war es ordentlich kalt draußen.

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Die ersten 8000-er kommen näher und sind doch so fern – Teile des Annpurna-Massivs
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Unglaubliche Landschaften…

Auch am nächsten Morgen mussten wir uns bei 2670 Höhenmetern etwas wärmer als die übliche kurze Hose und T-Shirt anziehen. Zusammen gingen wir los und trennten uns erst nach dem Mittagssnack, der heute aus frisch gebackener Zimtschnecke und Tee bestand. Der Annapurna Circuit ist ein sogenannter Teahouse-Trek (Teehaus-Wanderung), das heißt, dass in regelmäßigen Abständen immer wieder einfache Unterkünfte zum Übernachten und/oder Essen vorhanden sind. Für den Abenteurer mag das nichts sein, aber für uns Flachländer sind solche Treks ein guter und sicherer Einstieg in die Bergwelt. Einige Dinge sind auf dem Annapurna Circuit sehr einfach, wie zum Beispiel die Duschen, die mit Glück heiß sind und dann mit Gas beheizt werden, die brettharten Betten oder die Hocktoiletten ohne Spülung. Andere Dinge dagegen, wie der Luxus von frisch gebackenen Zimtschnecken bräuchten wir eigentlich nicht (aber man beschwert sich natürlich auch nicht über die Extrastärkung). Nicht viel später kamen wir dann in Lower Pisang an, wo wir nur schnell die schweren Sachen in der Unterkunft ließen und einen Höhenlauf nach Upper Pisang unternahmen. Dass wir jetzt schon auf 3200 Höhenmetern waren, merkten wir nicht nur daran, dass es kälter wurde und die unendlichen Stufen nach Upper Pisang trotz leichten Gepäck zumindest Helen und mir, die nicht so gut an die Höhe angepasst sind wie die beiden Sherpas, schwerer als gewöhnlich fielen, sondern auch daran, dass man nun aufpassen muss, dass man keine Anzeichen der Höhenkrankheit entwickelt. Während Hoffi und Alfred, die den Weg über Upper Pisang nach Lower Pisang gewählt hatten, schon mal eine schöne, heiße Dusche genossen, suchten wir im buddhistischen Tempel von Upper Pisang Zuflucht vor dem eisigen Wind. Nachdem ich mich erst einmal aus Versehen auf dem Essenstisch gesetzt hatte, machte ich ein paar Karmapunkte wieder gut, indem ich von Dorjy viele Dinge vom Buddhismus erfuhr, die mir zuvor neu waren. Wir lachten beide Tränen, als ich ihn fragte, als was er gerne wieder geboren werden würde. Wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort: „as a cat“. Eine Entscheidung, die ich mehr als gut nachvollziehen konnte. Wie schön wäre doch die Vorstellung, wie eine Katze die nächsten Tage am Feuer zu liegen und nichts zu tun, außer zu essen und zu schlafen. 

 

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Nebelgestalten…

Aber nein, ich hatte mir das anders ausgewählt und so wurde am nächsten Tag erneut der schwere Rucksack geschultert und weiter ging es in unserer Sechsergruppe bergauf mit dem Ziel Manang. Ab dort endet auch der neu gebaute Jeepweg und der richtig spannende Teil beginnt, der einen von circa 3500 m bis auf den Thorung La Pass mit 5416 m und dann wieder auf der anderen Seite hinab führt. Alles bis dort hin war nur Geplänkel, ab jetzt würde es haarig werden. Die Landschaft hatte sich in den letzten Tagen sehr verändert und auch dadurch, dass das Auge immer etwas zu tun hatte, ging die Zeit des Wanderns schneller herum. Darum zogen sich die letzten Kilometer in Richtung Manang, entlang des Marshyangdi über eine staubtrockene Straße wie Kaugummi. Gegen 14 Uhr kamen wir in Brakha, dem Dorf vor Manang an, wo wir zur besseren Akklimatisierung zwei Nächte verbringen wollten. Während Dorjy, Helen und Pasang noch einen Ausflug nach Manang an diesem Tag machten, gingen wir nur zur Bäckerei nebenan, holten uns süße Backwaren und Nakkäse (Nak= das weibliche Gegenstück zum Yak; das Yak ist männlich und produziert dementsprechend keine Milchprodukte) und suhlten uns in den Betten herum. Nach sechs Tagen des Wanderns darf man auch mal faul sein. 

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Ein Fraulein steht im Walde…
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Auf dem Weg nach Brakha. Der Weg zog sich ewig, doch die Laune blieb gut.
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Daunenjacken-Crew auf dem Weg zum Bäcker in Brakha

Die Faulheit endete am nächsten Tag, denn da ordnete Dorjy einen Höhenlauf an. Von Brakha/Manang aus kann man mehrere Höhenläufe mit mehr oder weniger Anspruch und Extratagen machen. Wir suchten uns einen leichten „Spaziergang“ mit über 500 Höhenmetern Steigung auf kurzer Strecke aus, welcher über einen Grat hinauf führt und einen wunderschönen Blick auf den Gangapurnagletscher und dessen Gletschersee freigibt. Nach einer Teestärkung ging es weiter nach oben. Bei einem verlassenen Dorf hielten Alfred, Hoffi und ich uns noch etwas länger auf und stiegen dann wieder durch das Geröll ab. Plötzlich war Alfred nicht mehr aufzufinden. Er hatte nur einen kleinen, anderen Abzweig genommen. Wir warteten eine gefühlte Ewigkeit, stiegen weiter ab in der Hoffnung, ihn dort anzutreffen, warteten wieder. Als wir auf der halben Strecke Dorjy und die anderen trafen und diese Alfred nicht gesehen hatten, bekamen Hoffi und ich ein mehr als mulmiges Gefühl. Er wird doch nirgendwo abgerutscht sein oder gestürzt sein? Hätten wir das nicht gehört? Als wir gerade wieder aufsteigen wollten, kam unser riesenhafter Freund doch noch um die Ecke und uns fielen alle Steine des Himalaya von Herzen. Da hatte wohl ein Idiot auf den anderen gewartet. Auf dem Rückweg, wo wir im Städtchen Manang noch ein paar Nakkäse-Momos (Momos sind nepalesische Ravioli) verspeisten, ließen Hoffi und Alfred verlauten, dass es ihnen nicht gut ginge. Als zwei Stunden später beide abwechselnd frierend und schwitzend in den Betten lagen, war klar, dass die Anstrengung und der Wetterwechsel der letzten Tagen wohl beiden übel mitgespielt hatte. In der Hoffnung, beide bis zum nächsten Tag wieder auf dem Damm zu bekommen, organisierte ich raue Mengen an Pfefferminztee und Suppe. Als die beiden auch nach dem Abendessen da saßen wie ein Schluck Wasser, war klar, dass eine Lösung her musste. Aufgrund meines Übergewichts (gepäckmäßig) hatte mir Dorjy angeboten, dass der Porter Pasang ab Brakha auch einen kleinen Teil meines Gewichts tragen könnte. Etwas verletzt war ich schon in meinem Stolz, es nicht vollständig allein zu schaffen, doch ich hatte gelesen, dass zu viel Gewicht einen schlechten Einfluss auf die Höhenkrankheit hat. Also hingen wir nun da. Würde ich am nächsten Tag nicht gehen, hieße das, ich würde mit vollen Gepäck mit den schnelleren Jungs in ein oder zwei Tagen mitgehen. Würde ich am nächsten Tag gehen, würde ich es mit dem geliehenen Guide und dem Porter viel wahrscheinlicher schaffen, müsste aber meine Freunde zurück lassen. 

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Alfred, bevor er beim Höhenlauf in Brakha verschwand…
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Hoch über Manang/Brakha
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Yaks und Naks

Nachdem mir Hoffi und Alfred tausendmal versichert hatten, dass es vollkommen okay sei, die beiden in ihrer Männergrippe zurück zu lassen, brach ich also den nächsten Tag mit leichteren Gewicht auf dem Rücken mit Helen, Dorjy und dem nun schwerer bepackten Pasang auf. Gute 500 Höhenmeter galt es heute zu überwinden. Die Landschaft wurde zunehmend unwirklicher. Während die großen Berge jenseits der 8000 m wie die verschiedenen Gipfel des Annapurna, der Dhaulagiri oder der Manaslu immer noch massiv, schneebedeckt und scheinbar unüberwindlich über uns thronen, scheinen die schneebedeckten 6000-er Gipfel immer näher zu kommen. Irgendwie hatte ich mir Schneefanatiker vorgestellt, dass auf dem Pass Schnee liegen würde. Zum Glück liegt keiner, meinte Dorjy. Er war im Unglücksjahr 2014 selbst im Annapurna Circuit und erlebte auf dem Weg zurück vom Tillicho Lake (ein insgesamt dreitägiger Ausflug von Manang aus), wie sich das Wetter in kürzester Zeit so verschlechterte, dass innerhalb von 12 h in der normalerweise schneefreien Hochsaison 1,8 m Schnee fiel und dadurch insgesamt 43 Menschen aufgrund von Lawinen oder Unterkühlung verstarben. Dorjy erklärte, dass wenn in Manang der Schnee den Boden bedeckt, der Pass hüfthoch verschneit ist. Eine lebensgefährliche Situation für alle, die keine Schneeschuhe haben, denn der Schnee, der Wind und das kalte Wetter kühlt einen rasend schnell aus. Man sollte sich selbst auf solchen Teahouse-Treks im Kopf behalten, dass man trotz der relativen Einfachheit einfach doch nur ein dummer Flachländer ist, der von den Regeln der Berge keine Ahnung hat. Erst vor drei Tagen hatte uns Dorjy darauf aufmerksam gemacht, dass man aufgrund von pilzförmigen Wolken über Bergen, die sich mehr als einen Tag halten, ausmachen kann, dass man schnellstmöglich umdrehen sollte, weil Unwetter aufzieht. Am gestrigen Tag hörten wir, dass eben dort, wo er uns die Wolken gezeigt hatte, neun südkoreanische und nepalesische Bergsteiger von einem orkanartigen Wind wie Marionetten davon getragen und getötet wurden waren. Ein komisches Gefühl zu wissen, dass der Ort des Unglücks, das Basecamp des Mount Gurja, mit 3500 m tiefer lag, als wir jetzt waren. Ich war ein weiteres Mal froh, Dorjy und auch Pasang dabei zu haben. Letzterer war mit unserem Gepäck schon wieder vorgeflitzt, hatte eine Unterkunft gebucht und kam uns schon wieder mit einem strahlenden Gesicht entgegen, als wir gerade einmal auf der Hälfte des Weges waren. Noch einmal 17 sein und die Sauerstoffverwertung eines Sherpas haben… Als wir nach vielen schwankenden Hängebrücken, Yakherden, Kilometern und weiteren 500 Höhenmetern durch das nun vollkommen baumlose Gebiet im 4000 m hoch gelegenen Yak Kharka ankamen, war an Verschnaufen noch nicht zu denken. Ein Höhenlauf von 200 m auf einen windigen Hang oberhalb des winzig kleinen Ortes musste noch unternommen werden, bevor man sich bei der A-Kälte nun jegliche Duschen lieber ganz verkniff und sich lieber im Speisesaal an den Ofen stellte und das erste Mal richtig froh über die ganzen Menschen war, da jeder von ihnen ein bisschen Wärme abgab. So richtig warm ums Herz wurde einem auch gleich bei den zwei osteuropäischen Gruppen aus Polen und Russland, die einen gleich mit Mandeln und Tee versorgten. Zusammen mit zwei US-Amerikanerinnen und Elias, einem Deutschen aus Freiburg, wurde der Abend eine recht nette, internationale Runde. Die paar Schritte vom Feuer in das eiskalte Zimmer, dass ich mir heute mit Dorjy, Pasang und Helen teilte, waren extrem schwer und ich war froh, als der Daunenschlafsack nach ein paar Minuten endlich seine volle Wärmkraft entfaltete. Jetzt bloß nicht nachts aufs Klo müssen…

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So kuschelig…
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Auf dem Weg nach Yak Kharka. Die Vegetation wird spärlicher.

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Pferdchen an der Unterkunft in Yak Kharka. Danke an Piotr aus Polen für das Foto.

 

 

In der Nacht war es kalt gewesen, zumal Dorjy darauf bestand, bei offenen Fenster zu schlafen. Da man zur Vermeidung der Höhenkrankheit viel trinken sollte, ließ sich auch der nächtliche Klogang nicht vermeiden. Ein echter Genuss, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt aus dem Schlafsack zu kriechen, um dann draußen auf ein Hockklo zu gehen. Das Trinken von Wasser fällt angesichts dessen, dass das selbst gefilterte Wasser auch um den Gefrierpunkt kalt ist, auch nicht gerade leicht. Doch Tee ist hier oben nicht gerade günstig (etwa 1,50 Euro die Tasse), so dass man tut, was zu tun ist. Zu tun war natürlich auch an diesem Tag wieder das Hinausschählen aus dem Schlafsack, um dann im eiskalten Speisesaal die Nudelsuppe zum Frühstück zu verspeisen, auf die ich seit meiner Porridgephase jetzt täglich umgestiegen war. Doch bevor man erneut darüber nachdenken konnte, warum man sich das eigentlich antut, war man schon wieder im wärmenden Wandern inbegriffen. So langsam, aber sicher stellte sich eine echte Routine ein. Obwohl ich mich gut fühlte, merkte ich es anderen ganz schön an, dass die Belastung und die Höhe ihnen an die Nieren ging. Helen nahm schon seit Brakha Diamox, eine Medizin, die zur Steigerung der Sauerstoffaufnahme des Körpers führt. Trotzdem hatte sie massiv mit morgendlicher Übelkeit zu kämpfen, ein erstes Symptom der Höhenkrankheit. Auf dem Weg kamen uns nun etliche Touristen, aber auch Porter entgegen, welche die Höhenkrankheit zum Abstieg zwang. Der Job des Porters ist im Verhältnis zu den sonstigen nepalesischen Löhnen lukrativ. Die Volksgruppe der Sherpas ist relativ klein. Das heißt, dass viele der Porter und auch der Guides keine Sherpas sind und deshalb aufgrund ihrer Herkunft aus niedrig gelegeneren Gebieten Nepals ebenso schlecht akklimatisiert sind wie die meisten Touristen. Dorjy erklärte uns, dass er bei seinen Kunden genau auf kleine Anzeichen achten müsste, denn gerade jüngere Wanderer wollen oft nicht zugeben, dass sie sich nicht gut fühlen. Ich konnte ihn schon damit beruhigen, dass ich mir in Thorung Pedi mit viel Appetit meine mit viel Käse überbackenen Nudeln mit Tomatensauce genehmigte. Währenddessen ließ ich meinen Blick über die absolute Mondlandschaft schweifen. Hatten wir wirklich im Dschungel bei einer Affenhitze begonnen? Das kam mir alles schon so lang her vor…Hier gab es mit viel Glück ein paar kleinere Büsche, geheizt wird auf diesen Höhen oft mit getrockneten Yakexkrementen. Auch für uns wurde es nach dem Mittag noch einmal heiß, denn der letzte Aufstieg vor dem Pass stand an. Mit Hilfe unseres Speedy Gonzales Pasang hatten wir uns einen Platz im Thorung Highcamp, der letzten Unterkunft vor dem Pass gesichert. Das bedeutete, dass wir uns am nächsten Morgen nicht nur zwei Stunden früheres Aufstehen, sondern auch 500 zusätzliche Höhenmeter sparten. Diese mussten allerdings heute bewältigt werden. Der Hang, den es zu erklimmen ging, sah gar nicht so lang aus, aber zog sich unheimlich in die Länge. Ganz langsam ging es in kleinen Serpentinen immer ein Stück höher.   Nach einer schier unendlichen Zeit kam endlich rechts hinter einem Felsen die Gebäude des Highcamps auf 4850 m Höhe hervor. Trostlos standen dort im eisigen Wind ein paar gemauerte Häuser, eine Regentonne diente als Wasserspender, selbst die Pferde schienen mit ihren dicken Fell zu frieren. Spätestens hier war ich überaus froh, die Daunenjacke zu haben. Eingemummelt liefen Helen und ich pinguinartig zum Speisesaal. Hier gab es kein Feuer im Ofen, aber die unzähligen Menschen in diesem Gebäude schufen eine recht behagliche Wärme. Helen ging früh ins Bett, ihr war der Trubel in ihrem Zustand zu viel. Da mein Motto „Lieber ersticken, als erfrieren“ ist, genoss ich noch ein bisschen länger das Beisein von circa 150 anderen Bergbezwingern in diesem nicht gerade großen Häuschen. 

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Auf dem Weg ins Thorung Highcamp.  Eine lebensfeindliche Landschaft…

Halb fünf Uhr früh klingelte am nächsten Tag der Wecker. Der große Tag war gekommen. Heute sollte der Pass überquert werden. Also zwängten wir uns in gefühlt alle Klamotten, die wir mitgebracht hatten und liefen in die eisig kalte Nacht nach draußen zum Speisesaal. Den gestern bewältigten Hang kamen schon vereinzelte Stirnleuchten und deren Besitzer hinauf. Wann mussten die wohl aufgestanden sein? Die Wassertonne war komplett vereist und man musste ein Loch hinein schlagen, um Wasser zum Filtern zu holen. Auch die heiße Suppe ließ einen nicht so richtig auftauen. Mit steifen Gliedern reihten wir uns dann kurz vor sechs Uhr in der Dunkelheit mit angeschalteten Stirnlampen in die Stirnlampenkolonne ein. Während wir uns Meter um Meter voran schleppten, sahen wir, dass aller paar Meter Pferde zu vermieten waren. Tatsächlich nahmen auch einige „Wanderer“ diesen Service in Anspruch. Kopfschüttelnd sahen wir zu, wie völlig fertig aussehende Frauen und Männer förmlich zum Pass hochgehievt wurden. Nein, da wäre ich wirklich eher zurück gegangen, als mir so die Blöße zu geben. Während ich zwar bei -13 Grad trotz 7 Schichten Kleidung am Oberkörper fror wie Espenlaub, aber ansonsten keine Probleme hatte, ging es Helen immer schlechter. Trotz dass sie sich mehrmals fast übergeben musste, kämpfte sie sich weiter wacker voran. Das Atmen und jeder einzelne Schritt fiel viel schwerer als normal und der Weg schien sich ewig in die Länge zu ziehen. Das Gemeine am Thorung La-Pass ist, dass man den höchsten Punkt erst wenige Meter vor dem Erreichen sieht. Bis dahin geht es um gefühlte 1000 Kurven und hinter jeder neuen Kurve wird die Erwartung enttäuscht, endlich da zu sein. Ein paar Strahlen Morgensonne und zwei zerquetschte Snickers von Helen gaben neue Energie für weitere Meter und Kurven. Nachdem man schon gar nicht mehr daran glaubte, kamen auf einmal hinter einer Kurve unzählige, bunte Gebetsfahnen hervor. Da war er, nur noch 20 m und wir standen auf 5416 m. Wir hatten es geschafft. Was für ein schier unbeschreibliches Gefühl. Trotz dass man hier nicht auf einem Gipfel, sondern mehr einer langgezogenen Fläche stand, hier wurde einem bewusst, was man geleistet hatte. Noch nicht mal annähernd war ich mit eigener Kraft so hoch gewandert wie jetzt. Voller Euphorie rannte ich auf das einzig winzig kleine Schneefeld auf dem Pass zu. Besser konnte es nicht werden. Stolz schossen Helen und ich ein paar Fotos von diesem einzigartigen Moment. 

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Langsam schleppen sich alle Meter für Meter hinauf…
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So sieht jemand aus, der mit sieben Schichten Klamotten immer noch friert….
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Auf dem halben Weg zum Pass. Frierend, aber motiviert…
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Ganz oben! 5416 m auf dem Thorong La Pass
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Schneeeeeeeee… 😀
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Team Success – v.l. ich, Dorjy, Helen, Pasang

Doch aller Euphorie zum Trotz, hier auf dem Pass konnten wir nicht bleiben und nun stand noch das an, vor dem es mir mehr graute, als vor jeglichen Aufstieg. Ein paar Meter weiter auf der Ebene schauten wir tief in das Tal. Dort, über 1000 Höhenmeter weiter unten, war unser heutiges Tagesziel Muktinath. Meine Knie fingen schon vom puren Anblick an, um Hilfe zu schreien und nur ein paar Minuten später war nicht Helen, sondern ich es, die zurück hing. Trotz Wanderstöcke tat jeder Schritt auf dem steilen Abhang weh. Zudem hatte ich noch eine meiner Wasserflaschen irgendwo vergessen und auf dem ganzen Weg gab es keine einzige Wasserquelle. Nach 2 h steilen Bergabgelaufe hatten wir das schlimmste geschafft und ließen uns zum Essen nieder. Nudeln mit Tomatensauce und Sanddornsaft taten vielleicht nicht den Knien, aber wenigstens der Seele gut und so ging es die restlichen 1,5 h schon viel, viel besser voran. Ich hatte eigentlich auch erwartet, dass es in Muktinath mit der Schlafenssituation besser wird, denn wir hatten jetzt zwei Nächte zu viert in einem Zweibettzimmer geschlafen. Dass die beiden Nepalesen trotz heftigen Zuredens darauf bestanden, auf dem Boden zu schlafen, war mir sehr unangenehm gewesen. Tatsächlich war die Schlafsituation nun noch schlechter. Es gab ein Doppelbett und ein Einzelbett für vier Personen. Um die Situation zu entlasten, bot ich an, zu Elias, dem Deutschen, den wir in Yak Kharka getroffen haben, mittels Matratze ins Zimmer zu ziehen. 

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Der lange Weg ins Tal. Meine Knie singen noch heute ein Schmerzenslied…

Am nächsten Tag machten wir zusammen mit Elias, seinem Porter und seinem Guide einen Ausflug zu der Tempelanlage in Muktinath. Auch hier war es wieder gut, Dorjy zu haben, der einen viel über die einzelnen Statuen, die Mönche und das heilige Wasser dort erzählte. Gegen Nachmittag liefen wir dann noch einen Ort weiter nach Khak Peni. Von dort aus wollten wir versuchen, einen Jeep am nächsten Tag nach Pokhara zu bekommen. Doch erst teilte ich mich noch eine Nacht mit Elias wegen erneuter Zimmerknappheit das Zimmer, der zwar so gut wie nie meine Meinung teilen konnte, aber ansonsten ein recht guter Geselle war. 🙂 

 

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Nonnen- und Mönchsschüler in der Tempelanlage in Muktinath
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Neben dem Präsidenten in den Bergen sahen wir durch Zufall einen wichtigen tibetischen Lama, der auf Besuch in Nepal war. Jedes Dorf begrüßte den Lama, der mit dem Jeep auf dem Weg nach Muktinath war, herzlich mit traditioneller Kleidung, Gesängen, Tänzen und viel Räucherzeug. Die Schals, welche die Nepalesen in der Hand tragen, werden vom Lama gesegnet und entweder mit für den Hausaltar mitgenommen oder dem Lama um den Hals gelegt.

Am nächsten Tag um 8 Uhr hatten wir trotz des anstehenden hinduistischen Festes Navaratri doch einen Jeep bekommen. Ich freute mich schon auf Pokhara. Endlich nicht mehr frieren, die Seele baumeln lassen und vor allem einmal ein bisschen seine Ruhe haben. Doch bevor dies geschehen konnte, mussten wir uns erst einmal ordentlich durchschütteln lassen. Den Annapurna-Circuit durch die Jeepfahrt abzukürzen, hat seinen Preis. In meinem Fall bei der Ankunft schmerzende Arme vom Angstgriff, Kopfschmerzen vom gelegentlichen Anprallen an Fensterscheibe oder Decke und einen schmerzenden, aufgeschabten Rücken von der ständigen Reibung am Sitz. Im strömenden Regen von Pokhara fiel der Abschied von Helen, Dorjy und Pasang sehr kurz aus. Ich habe ihnen allen viel zu verdanken. Nach dem herzlichen Empfang im Mountain House Guesthouse, wollte ich einfach nur noch schnell etwas essen und dann schlafen, schlafen und noch einmal schlafen. 

Die nächsten zwei Tage verbrachte ich im herrlichen Nichtstun. Am dritten Tag kam aber doch wieder der Wanderer durch und ich lief ins 1 h Stunde entfernte Mountain Museum in Pokhara. In dem kleinen, aber feinen Museum beeindruckten mich vor allem die großformatigen Fotos der 14 Achttausender der Welt. Ob ich dort mal jemals hinkäme? Wollte ich das? Wenn man liest, wie viele „richtige“ Bergsteiger nur noch im Präteritum existieren, wahrscheinlich eher nicht. Aber träumen darf man ja mal…Am Abend kamen dann auch Hoffi und Alfred vollkommen fertig nach der grauenhaften Jeepfahrt wieder in der Zivilisation an. Zwei Tage später als ich hatten sie es auch über den Pass geschafft. Noch am nächsten Tagen zog ich zu den beiden ins Zimmer um. Nach den Tagen der Einsamkeit war es schön, nun gemeinsam am See in Pokhara bei gekühlten Getränken abzuhängen und ausgiebig unseren Passerfolg zu feiern. Leider hieß es für mich drei Tage später, am Morgen des 24.10.2018, schon wieder Abschied zu nehmen, denn mein Flug nach Vietnam ging einen Tag eher als Alfreds Flug nach Deutschland und Hoffis Flug nach Hong Kong. Spontan hatte ich mich noch entschlossen, nach zwei Tagen Vietnam auch noch einmal zusammen mit Hoffi Hong Kong einen Besuch abzustatten. Christian hatte (außer den gepfefferten Preisen) viel Gutes über Hong Kong erzählt. Das wollte ich mir mit eigenen Augen angucken. Nachdem der Bus sich nach einer erheblichen Verspätung wieder in Richtung Kathmandu in Bewegung setzte, nahm ich schon einmal Abschied von der Bergwelt. Mein nepalesischer Sitznachbar, der mit seiner halben Familie im Bus saß, versüßte mir die holprige Fahrt mit Äpfeln und Bananen aus dem eigenen Garten. Abends im staubigen Kathmandu, genoss ich ein letztes Mal eine schöne, knoblauchige Thukpa und packte mein dagelassenes Zeug wieder in den großen Rucksack. Gegen 11 Uhr am nächsten Tag startete der Flieger, um mich mit einer Nacht Zwischenstopp in Kuala Lumpur/Malaysia nach Hanoi zu bringen. Das erste Mal allein fliegen, das erste Mal nach Südostasien. Was mich da wohl erwarten würde?

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Am Busbahnhof in Pokahra – Auf Wiedersehen Berge, Auf Wiedersehen Nepal!

Fazit Nepal: Bevor ich mich mit Nepal beschäftigt habe, dachte ich stets, dass Nepal ein reines buddhistisches Hochgebirgsland ist, in dem die Mehrheit der Menschen Sherpas sind. Nepal offenbart viel mehr Vielfalt (kulturell, religiös, landschaftlich) als ich mir das je vorgestellt habe. Die Landschaft ist atemberaubend und das Gefühl, dem Himmel so nah zu sein, nicht zu beschreiben. Die Menschen erscheinen sehr offen und auch sehr tolerant (so ist zumindest nach Dorjys Auskünften eine Hochzeit zwischen unterschiedlichen Religionen kein Problem). Für viele Menschen in Nepal ist das Leben sehr hart und nach dem Erdbeben 2005 und den politischen Umbrüchen in den letzten Jahren nicht leichter geworden. Trotzdem habe ich nie Klagen gehört, sondern mehr das Gefühl bekommen, dass die Nepalesen trotz allem nach vorne schauen, auch wenn es nur bis zum nächsten Tag ist und sich ihrer Fröhlichkeit nicht berauben lassen. Bewundernswert, vor allem wenn man daran denkt, wie oft Menschen in unserer Überflussgesellschaft sich über dieses und jenes beschweren. In Sachen Zufriedenheit, Genügsamkeit und Gastfreundschaft können wir uns wirklich eine dicke Scheibe von den Nepalesen abschneiden. 

 


2 Gedanken zu “03.10. – 25.10. 2018 Nepal/ Anika auf dem Annapurna-Circuit-Trek

  1. Ich ziehe den Hut und verbeuge mich ganz tief vor Dir, liebe Anika. Diese Leistung von Dir ist kaum zu toppen ! aber auch „kleine“ Menschen sind zu großartigen Leistungen fähig. Dein Opa

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