03.01.2019 – 08.01.2019 – Südkorea

Kurz vor Mitternacht des 02.01.2019 ging unser Flug von Taiwan nach Südkorea. Dementsprechend übermüdet kamen wir am 03.01.2019 sehr früh morgens in Daegu, im der viertgrößten Stadt Südkoreas an. Unsere übliche Ankomm-Routine wurde erst einmal auf den Kopf gestellt. Denn Simkarten für mobiles Internet kann man in Südkorea nicht erwerben, stattdessen muss man einen tragbaren W-Lan-Sender mieten und einen saftigen Pfand hinterlegen. Wir zahlten knappe 20€ für fünf Tage mobiles Internet und versuchten in die Stadt zu kommen, aber auch hier lief es nicht, wie wir uns das vorstellten: Das gut ausgebaute Monorail-System war noch nicht geöffnet und von den vielen Menschen schienen nur einige sehr wenige uns helfen zu wollen oder helfen zu können. Draußen war es sechs Grad unter null und der eisige Wind zog durch die Hallen des Airportes. Da auch Uber nicht verfügbar war, gaben wir uns geschlagen und nahmen ein Taxi zum Hotel. Anika wurde langsam ein wenig quängelig und ich hoffte inständig, dass der vorab angefragte frühe Check-in auch wirklich klappte. Nachdem wir kurz durch die verwinkelten Gassen der Häuserschluchten geirrt waren, fanden wir schließlich die Rezeption des Hotels. In einem winzigen, ebenfalls eiskalten Zimmerchen klopften wir an ein Fenster und eine Koreanerin, die ihre besten Jahre bereits hinter sich hatte, schaute uns an. Ich versuchte ihr zunächst auf Englisch zu erklären, dass wir gern unser Zimmer beziehen würden und zeigte ihr die Bestätigungsmail auf dem Handy.  Mittels Google-Sprachübersetzer machte sie uns deutlich, dass wir erst Nachmittag in unser Zimmer könnten. Während Anika schon fast den Tränen nahe war, versuchte ich der Dame auf unzählige Arten und Weisen unser Anliegen zu erklären. Als sich das kleine Fensterchen schloss, hatte ich schon beinahe alle Hoffnungen fahren lassen, doch plötzlich öffnete es sich wieder und die Dame händigte uns die Schlüsselkarte aus. Diese Prozedur hatte nun ungefähr 30 Minuten gedauert und uns war völlig schleierhaft, wo eigentlich das Problem lag. Wir bezogen das eiskalte Zimmer, mussten aber dennoch nicht frieren, denn unter dem Bettlaken befand sich eine Heizdecke, die eine wohlig kuschlige Atmosphäre schuf, in der wir erst einmal Schlaf nachholen konnten. Allgemein sind die günstigsten Hotels wohl eher auf die Zweisamkeit unverheirateter koreanischer Pärchen ausgerüstet, was am reichlichen Vorrat von Gleitgel und Kondomen ersichtlich war. Unser Schlaf wurde jedoch nicht durch eindeutige Geräusche von nebenan gestört und im Stundenhotel in Südkorea zu schlafen ist wohl tausendmal besser als im Puff an der türkisch-georgischen Grenze. Am Nachmittag quälten wir uns aus dem Bett und suchten erst einmal einen Waschsalon auf. Wir vertrieben uns die Wartezeit mit Rundfahrten im Wäsche-Einkaufswagen und ernteten griesgrämige Blicke durch die riesigen Scheiben des Waschsalons. Völlig ausgehungert suchten wir ein Restaurant auf und bestellten Sushi, Bulgogi und eine Art koreanisches Schnitzel. Da das natürlich viel zu viel war, nahmen wir quasi das gesamte Sushi mit und verspeisten es abends zum Tatort.

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Straßenansicht von Daegu. Leuchtreklamen mit koreanischer Schrift so weit das Auge reicht.

Der nächste Tag verlief äußerst ereignislos und außer ein wenig Arbeit am Blog, der Sicherung von Daten und der Grobplanung für die nächsten Tage lief nicht viel. Zum Abendbrot gab es dann koreanisches Barbecue. Dabei wird Fleisch und Gemüse auf einem Holzkohlegrill gegart, der sich in der Mitte des Tisches befindet. Über jedem Tisch hängt dann ein Rüssel, über den die Grillgase abgesaugt werden. Das gegarte Fleisch und Gemüse wickelt man dann zusammen mit ein wenig Reis in ein Salatblatt und tunkt es in die typisch, koreanische Soße. Die Koreaner spülen diese Leckerbissen traditionell mit Bier und Unmengen Soju (koreanischen Reisschnaps) herunter.

cof
Korean Barbeque. Stilecht wird das Fleisch mit der Schere geschnitten. Wirkt ungewöhnlich, geht aber erstaunlich gut.

Am Vormittag des 05.01. katapultierte uns dann der koreanische Schnellzug mit einer Spitzengeschwindigkeit von über 270 km/h in die Hauptstadt. Auch in Korea kann man wunderbar schnell viel Geld loswerden, denn obwohl der Zug für uns beide nur 32€ kostete, schlug unser Zimmer mit 53€ für zwei Nächte zu buche. Das erscheint dem ein oder andern jetzt nicht unbedingt viel, allerdings bekommt man für dieses Geld auch nur ein wirklich winziges Zimmer, das selbst taiwanesische Winzigkeitsdimensionen alt aussehen lässt. Unser Zimmer bestand nur aus einer Matratze, einem 40cmx200cm Gang und einem Bad mit nicht wenig mehr als einem Quadratmeter Steh-, Dusch- und Klofläche. Wir hatten echte Schwierigkeiten, unser Gepäck in dem Zimmerchen unterzubringen, aber gleichzeitig noch die Tür öffnen und schließen zu können.

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Ein Stück Thüringen in Seoul, nur leider außerhalb unseres Budgetrahmens

Gegen Nachmittag machten wir die Stadt ein wenig unsicher, wollten Essen und Handschuhe für Anika auftreiben. Da stolperten wir plötzlich über ein Stück der Berliner Mauer, einen Berliner Bär und einen Gedenkstein, auf dem die Hoffnung über eine koreanische Wiedervereinigung verewigt ist. Erst da wurde mir so richtig bewusst, wie ähnlich die neuere Geschichte Koreas der deutschen doch ist. So wurde Südkorea ebenfalls nach dem Zweiten Weltkrieg in Zonen geteilt und besetzt und es entstand genau wie im Nachkriegsdeutschland einerseits ein kommunistisches Regime unter sowjetischer Führung, und ein andererseits mit amerikanischer Hilfe ein demokratisches, kapitalistisches System. Und obwohl die Grenze in Korea entlang des 17. Breitengrades und damit von Ost nach West verläuft, kostete dieser Todesstreifen genauso unzählige Menschenleben und trennt Familien, Freunde und Verwandte – bis heute. Meine Gänsehaut in diesem Moment lag nicht an der Kälte, sondern daran, dass mir bewusst wurde, wie froh wir doch sein können, in einem geeinten Land zu leben, in dem wir neben vielen anderen Bürger- und Menschenrechten auch unsere Reisefreiheit genießen können.

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Ein Stück Heimat in der Ferne. Nur die Busse haben nicht die richtige Farbe…
cof
❤ Bääärlin

Zum Abendbrot suchten wir dann eine Art Kantine auf, in der man erst bezahlt und danach eines der wenigen zur Auswahl stehenden Gerichte erhält. Das tat der Qualität des Essens allerdings keinen Abbruch und ich genoss das schwere, würzige, scharfe Essen sehr, während Anika sich bereits nach etwas Frischem zu sehnen begann. cofAnikas Handschuhe fanden wir im Anschluss an einem Straßenstand, nachdem wir zuvor zu meinem Leidwesen erfolglos,2 ein dutzend Geschäfte abgeklappert hatten. Die Handschuhe waren notwendig, denn für den nächsten Tag hatten wir ein Komplettpaket im Vivaldipark gebucht. Das Ski- und Snowboardareal liegt 1,5-Fahrtstunden östlich von Seoul und für 117€ bekamen wir die Busfahrt, den Skipass sowie die Snowboard- und Klamottenleihe geboten. Obwohl das Skigebiet nicht riesig ist, konnten wir hier einige schöne Abfahrten genießen. Anikas Augen strahlten, denn ihre Befürchtung ein Jahr auf Wintersport verzichten zu müssen, war nun zerstreut.

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Vivaldi-Park. Endlich wieder auf dem Brett!
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Snowboard fahren ist in Südkorea sehr verbreitet.
sdr
Das Land der letzten olympischen Winterspiele wurde snowboard-mäßig als gut befunden. Nur die Küche ist in Südtirol besser!

Zurück in Seoul machten wir das Fenster, aus dem wir unser Geld warfen, gar nicht erst zu und gingen kaiserlich essen. Eine weitere koreanische Spezialität sind nämlich frittierte Hähnchenteile, die aufgrund ihrer Schärfe von den Koreanern auch Angry Chicken genannt werden. Zu unserem ärgerlichen Hühnchen gesellten sich auch noch eine Knoblauch- und eine Honigvariante hinzu. Zusammen mit Salat, Bier und Soju frönten wir unserem Leben und trieben unsere Tagesausgaben nahe an das Rekordniveau, bevor wir in unser winziges Zimmer zurückkehrten.

Auf unserer Agenda für den nächsten Tag stand ein wenig Kultur und wir besuchten den Gyeongbokgung-Palast. Die Koreaner lieben es, hier in historischen, koreanischen Kostümen herumzustolzieren und Material für ihre Fotoalben zu generieren. Durch Zufall bekamen wir Glückspilze wieder eine Wachablösung am Haupttor des Palastes mit.

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Gyeongbokgung-Palast. Am linken Bildrand kann man eine Besucherin in den erwähnten historischen Kostümen sehen.
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Diese Art von neuzeitlichen Michelin-Männchen-Kostüm dient wohl eher dem Zweck, den eisigen Temperaturen zu trotzen.
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Wachablösung in historischen Kostümen
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Dieser stattliche Bursche ist der Kommandant der Wache. Kostüm 1a, nur der passende Bart musste leider angeklebt werden.

Nach einem wabbeligen Burger aus der Mikrowelle eines SevenEleven steuerten wir das nahegelegene Museum für Zeitgeschichte an. Wir mussten keinen Eintritt zahlen und der englische Audioguide war ebenfalls kostenlos. Das Museum überzeugte uns durch seine sehr anschauliche Darstellung bei gleichzeitiger historischer Objektivität. Auf mehreren Ebenen wird die bewegte Geschichte Südkoreas hier eindrucksvoll und interessant dargestellt und wir bereuten ein wenig, nur zwei Stunden für die Besichtigung eingeplant zu haben. Vor allem die oberste Etage, in der das Wirtschaftswunder der 50er und 60er Jahre (mal wieder eine Parallele zur deutschen Historie) dargestellt wurde, mussten wir im Schnelldurchlauf erledigen. Gern hätte ich der Mobiltelefon-, Elektronik- und Automobilentwicklungsgeschichte sowie der Geschichte der Grenze noch mehr Zeit gewidmet, aber das ging nicht, denn wir mussten heute noch nach Busan fahren. Nachdem uns der Hochgeschwindigkeitszug erneut sicher ans Ziel gebracht hatte, ließen wir den Abend wieder bei einem Tatort ausklingen.

Für den nächsten Tag stand der Flug über den Pazifik und damit auch über die Datumsgrenze an. Damit wurde dieser 08.01.2019 mit knapp 40 Stunden zu dem längsten Tag, den wir je erlebt haben. Ungewiss war allerdings zu diesem Zeitpunkt, ob wir aufgrund unserer halbillegalen Einreiseumstände überhaupt Einlass in die USA erhalten würden.

Fazit Südkorea:

Südkorea ist ein einzigartiges und eigenartiges Land mit vielen Besonderheiten. Man bekommt den Eindruck, dass die Koreaner für viele Alltagsprobleme eine eigene Lösung finden wollen, statt die bereits existierende durchaus effektive Lösung zu übernehmen. Damit meine ich nicht nur diese merkwürdige Lösung für das mobile Internet, sondern beispielsweise auch, dass Südkorea das einzige Land ist, dass GoogleMaps aus angeblichen Sicherheitsbedenken nicht unterstützt und stattdessen nicht richtig funktionierende alternative Navigations-Apps anbietet. Selbst Länder wie Turkmenistan oder Nordkorea sind in GoogleMaps verzeichnet und unterstützen dieses Navigationssystem.

Südkorea ist ein hoch technologisiertes Land und die Heimat von Hyundai, Samsung und anderen Global Playern. Jeder Koreaner hat ein Smartphone und nutzt dieses auch immer und überall. Menschliche Interaktion scheint deshalb im Alltag keinen Platz zu haben und jeder scheint nur vor sich und seinem Display her zu leben. Bei einem Abendessen haben wir beobachtet, wie eine Familie aus drei Generationen am Tisch sitzt und selbst die kleinste von vielleicht vier Jahren von einem Display beflimmert wird, während sie von ihrer ins Smartphone schauenden Mutter gefüttert wird. Mit dabei und dennoch isoliert saß der Großvater, der kein Smartphone hatte und nur traurig in die Runde schaute.

sdr
Auch Deutschlands Zukunft? Wirklich jeder in dieser U-Bahn war mit seinem Smartphone beschäftigt. Menschliche Kommunikation von Angesicht zu Angesicht? Fehlanzeige!

Die Gesellschaft in Korea folgt strengen, hierarchischen Regeln und Erfolg und Geld ist das erklärte Lebensziel. Viele Koreaner arbeiten bis zum Umfallen, um Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, um damit Menschen zu beeindrucken, die sie nicht mögen. Das ist paradox und vielen Koreanern durchaus bewusst, doch bricht kaum einer aus diesem Leistungs-Hamsterrad aus, aus Angst das Gesicht und den sozialen Status zu verlieren. Sozial und beruflich Höhergestellte pochen auch im Alltag und außerhalb ihres Joballtags auf ihr Recht, Andere zu befehligen, anzustellen oder herabzuwürdigen.

Den koreanischen Arbeitnehmern stehen laut Gesetz 15 Tage Urlaub zu, doch kaum ein Koreaner nimmt den ganzen Umfang seiner Ferien in Anspruch, aus Angst, schlecht oder faul auf Arbeit da zu stehen. Laut einer Studie nimmt die Mehrheit der Koreaner nur die Hälfte der Ferien in Anspruch, Überstunden und unmenschlich lange Arbeitstage sind die Regel. Das Gesetz verbietet es zudem nicht wie in Deutschland, dass gearbeitete Urlaubstage ausbezahlt werden können. Beim Kampf Lebenszeit gegen Geld gibt es einen klaren Gewinner.

Dieser enorme Leistungsdruck durchzieht die gesamte Gesellschaft und verschont natürlich auch Kinder und Schüler nicht und erzeugt ein unangenehm kühles, mitmenschliches Klima, was vor allem Anika extrem gestört hat.

Der Weg zur Wirtschaftsnation war für Südkorea rasant und steil, auch wenn es das Land noch nicht unter die Top 10 der Weltwirtschaftsmächte geschafft hat. Bis es soweit ist, wird sich das Hamsterrad wohl weiter- und schneller drehen und Südkorea wird wohl auch weiterhin das Land sein, in dem es weltweit die meisten Suizide gibt und es wird damit auch wohl weiterhin das Land sein, in dem es tragbarer erscheint, seinem Leben ein Ende zu setzen, als sein Gesicht zu verlieren. Man kann hoffen, dass dem Staat und den Menschen bewusster wird, dass Menschen keine Maschinen sind und sie mehr und offener der Welt zeigen können, dass bestimmt ein fleißiges und liebenswertes Völkchen hinter der Fassade steckt.

cof
All-time-classic: Schlechtes Englisch auf asiatischen Kleidungssstücken

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