26.01.2019 – 02.02.2019 – Mexiko Teil II – Halbinsel Yucatán

Nach Cancun wollten wir eigentlich nie, weil diese Stadt am Golf von Mexiko und alles darum Touristenhochburg Nummer 1 ist und (vor allem an Spring Break) scharenweise partywütige US-Amerikaner anzieht, die natürlich nicht wegen Kultur, sondern wegen günstigen Alkohol kommen, den sie hier schon ab 18 sich in rauen Mengen einverleiben wollen. Jedoch hatten wir über eine Facebook-Gruppe eine Kölnerin namens Judith gefunden, welche sich bereit erklärte, meine Asthmamedikamente und einen von Christians Vater großzügig gespendeten Laptop mitzubringen. Wenn man sich auf der Karte die Orte Cancun und Mexiko Stadt anschaut, scheinen sie gar nicht so weit weg zu sein. Tatsächlich liegen 1600 km Straße dazwischen, natürlich nicht von deutscher Autobahnqualität. Da Inlandsflüge günstig sind, wählten wir also lieber den zweistündigen Flug an die Küste. Gleich beim Aussteigen merkten wir die fehlenden Höhenmeter. Ein feuchtwarmer Wind schlug uns entgegen. Dass wir in einer Touristenhochburg waren, merkten wir auch daran, dass man im Hostel nur mit US-Dollar bezahlen konnte und sowieso alle Preise plötzlich signifikant stiegen, während die Qualität teilweise rapide sank. Als wir Judith am nächsten leicht verkaterten Morgen mit ihrem Freund trafen, waren wir trotz des einsetzenden tropischen Regens, welcher die Straßen knöchelhoch überflutete erst einmal viel glücklicher als zuvor. Trotzdem hielt uns nichts hier an der Küste. Wenn man einmal in das normale Alltagsleben von Mexiko eingetaucht ist, will man nicht mehr das, was den Touristen als mexikanisch vorgespielt wird.

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Cancun unter Wasser, bei tropischen Regenfällen keine Seltenheit

Die Firma „ADO“ ist das deutsche Äquivalent des Flixbus und bringt einen mit sehr komfortablen Bussen über Land und in unser neues Ziel Vallodoid. Für Christian waren die Busse eine Erleichterung, denn so fiel der Selbstfahrentzug nicht ganz so schwer. Vallodoid liegt westlich von Cancun im Landesinneren und ist an sich keine besondere Stadt, doch es eignet sich perfekt als Ausgangspunkt für eine DER Touristenattraktionen überhaupt. Wir waren gespannt, ob Chichen Itza seinem Ruf als eines der sieben neuen Weltwunder gerecht werden konnte. Am nächsten Morgen brachen wir in aller Frühe auf, um uns mit dem Colectivo (preiswerte Sammeltaxis in Form von Kleinbussen) an diese geschichtsträchtige Stätte bringen zu lassen. Eine Stunde später reckten und streckten wir uns nach der etwas ungemütlichen Fahrt, trugen eine gute Schicht Sonnencreme auf und bezahlten den für ein UNESCO-Weltkulturerbe noch ganz vernünftigen Preis von 24 Euro für zwei Personen. Wir hatten Glück, denn die Geier von Souvenirverkäufer, welche wir schon aus Teotihuacán kannten, bauten gerade erst auf. So konnten wir am Anfang auch noch in relativer Ruhe den Anblick der „Pyramide des Kukulcán“ genießen. Doch wir konnten gar nicht so schnell gucken, da wurden uns schon Minipyramiden, Tücher, Schnitzeren und anderes Zeug angeboten, was wir gar nicht brauchten und wir wurden von Touristengruppen umringt, die durch gemeinsames in die Hände klatschen die Akustik des Ortes testeten und einfach nur nervten. Die Pyramide ist mit 30 m deutlich kleiner als die in Teotihuacán und man kann sie nur von unten betrachten. Zusätzlich zu den jahrelangen Debatten über die Beschädigung des Bauwerkes durch die tausende von darauf herumlatschenden Touristen, gab im Jahre 2006 der tödliche Sturz einer älteren Touristin den Ausschlag, die Besteigung zu verbieten.

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Pyramide des Kukulclán

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Die gefiederte Schlange an der Nordseite der Pyramide. An der Seite bildet sich jedes Jahr zur Tag-/Nachtgleiche ein Schatten der Treppen, der wie eine sich herabwindende Schlange aussieht. (Schaut mal hier) Nicht nur Effekthascherei, sondern Beweis, dass die Maya wissenschaftlich schon ganz schön weit waren.

Nicht der erste Todesfall in Chichen Itza, denn die Maya waren genauso wie deren Nachfolgerkultur der Azteken Menschenopfer keineswegs abgeneigt. Die Götter, und davon gab es viele, verlangten Blut zur Befriedigung ihrer Launen und so wurde gemetzelt, was das Zeug hielt. Dass man sich noch interessante Sachen ausdachte, um auch der Bevölkerung das Meucheln ein bisschen spaßiger zu gestalten, kann man am sogenannten „Großen Ballspielplatz“ nachvollziehen. Anhand von Zeichnungen ist dort ein Ballspiel dargestellt, vor dem auch ein Ronaldo erblassen würde. Ein medizinballartiger Ball musste ohne den Einsatz von Händen und Füßen ständig in der Luft gehalten und in 6 m Höhe angebrachte, nicht gerade große Ringe versenkt werden. Wir waren uns beim Anblick der Dimensionen sehr einig, dass es nicht darum ging, einen Sieger zu ermitteln, sondern man beide Mannschaften geopfert hat, nachdem diese vergeblich versuchten, das Unmögliche möglich zu machen.

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Wandgestaltung eines Tempels in Chichen Itza. Die sagt schon alles, oder?

Die Intelligenz und den hohen Grad der Entwicklung des über 3000 Jahre alten Mayavolkes in Sachen Mathematik, Architektur, Meterologie, Kriegswesen, merkwürdigen Ballspielen und anderen Bereichen kann man überall in den Ruinen von Chichen Itza nachvollziehen. Zum Glück war die Blütezeit dieser Kultur beim Einfall der Spanier im 16. Jahrhundert schon vorüber, denn sonst hätten sich die Traditionen vielleicht nicht so sehr verfestigen können, dass es noch heute etwa 6 Mio. Mayanachfahren in Mittelamerika gibt.

Am nächsten Tag stiegen wir dann in unseren schon lieb gewonnenen ADO-Bus, welcher uns nach Mérida, der Hauptstadt des Bundesstaates Yucatan brachte. Die Stadt im Süden des Golf von Mexiko ist nicht nur eine der 15 größten Städte Mexikos, sondern auch sicherlich einer ihrer schönsten.

 

Direkt nachdem wir angekommen waren, schlenderten wir durch die mit Kolonialbauten versetzte Innenstadt, die zum Glück trotz ihrer bis in die Mayakultur zurückreichende Geschichte erfreulich wenig Touristen beherbergte. Nach einem ausgezeichneten Essen mischten wir uns noch etwas unter das Volk. Eine mexikanische Kapelle spielte auf und halb Mérida von klein bis groß war auf den Beinen, um das Tanzbein zu schwingen. Obwohl weder Tanzen, noch diese Art von Musik unser Fall war, steckte die fröhliche, ausgelassene Stimmung an. Nicht fröhlich machten uns die Kinder, die spät abends noch Schmuck oder andere Kleinigkeiten verkaufen mussten, damit ihre Familien über die Runden kommen. Wie gern würden wir, dass unsere zuweilen sehr faulen Schüler mal einen Tag mit ihnen tauschen müssten…

Am zweiten Tag verließen wir Mérida, denn im Umland findet sich eine Attraktion Mexikos, für die wir vor allem bei dem sehr heißen Wetter dankbar waren. In den in dieser Region üblichen Karststeinfelsen bildeten sich vor vielen Jahrtausenden im porösen Gestein Höhlen und unterirdische Wasserläufe. Mit der Zeit brachen die Höhlen dann ein, Zugänge zum Tageslicht entstanden und die einstigen Höhlen füllten sich mit Regenwasser. Etwa 10.000 so genannter „Cenoten“ gibt es heute in Mexiko und Belize. Das, was die Maya als Zugang zur Unterwelt verehrten, das verehren jetzt vor allem die Sonnengeplagten und die, welche mit den unterirdischen Freibädern Geld machen können. Mit dem Colectivo fuhren wir also dann eingequetscht in das eine Stunde von Mérida entfernt liegende Cuzamá. Am Eingang des Cenotenkomplexes zahlt man 6,50 Euro p.P., erhält eine Schwimmweste und kann sich dann entscheiden, ob man das Rad, oder die pferdegezogene Kutsche zu den drei verschiedenen Cenoten nimmt. Das Rad war nicht nur aus Tierschutzgründen die richtige Wahl, denn so konnten wir entscheiden, wann wir wohin gehen. Die Cenoten selbst sind ein absoluter Traum. Nachdem wir die teils etwas abenteuerlichen Leitern hinabgestiegen waren,   erwartete uns warmes, kristallklares und je nach Sonneneinstrahlung in verschiedenen Blautönen spiegelndes Wasser. Da wir immer gingen, wenn andere kamen, hatten wir die drei Cenoten komplett für uns allein. Tausendmal besser als jedes Freibad dieser Welt. Selbst Christian als überzeugter Wassermuffel und Höhlenphobiker musste zugeben, dass dies ein absolut gelungener, relaxter Tag war.

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Cenote – die Bäume haben sich vor der herabbrechenden Decke gerettet
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Glasklares Wasser für uns allein

Einen weiteren Höhepunkt gab es zusätzlich, denn Christian hatte eine nicht nur für Berlinverhältnisse außerordentlich kompetente Beamtin der Führerscheinstelle gefunden, die arrangierte, dass Christian gegen Sendung der Formulare und des nötigen Kleingeldes einen neuen nationalen und internationalen Führerschein ausgestellt bekam, der an die Botschaft in Chile verschickt werden sollte. Für Christian, der sich schon in Südamerika eingequetscht in Nachtbusse gesehen hat, war das so ungefähr wie Weihnachten und Geburtstag zusammen.

Um ein bisschen nach all der Kultur und Reiserei auszuspannen, zog es uns direkt an die Küste. Zwei Stunden fuhren wir dazu am Tag darauf in das verschlafene Fischerdörfchen Celestún. Hier war zum Glück im Gegensatz zur absoluten Ostküste Mexikos noch nicht mal ein Hauch von Massentourismus zu spüren. Wir bezogen ein kleines, günstiges Apartment in Strandnähe und genossen den ersten Strandsonnenuntergang in Mexiko bei einem Fischgericht in einem kleinen Strandrestaurant. Den nächsten Tag verbummelten wir dann mit Sonnenbaden, Schwimmen und über die riesigen Muscheln staunen, welche am Strand zu finden waren.

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Riesige Muscheln und Panzer eines Pfeilschwanzkrebses

Auch hatten wir genug Zeit zum Planen und zum Einsehen, dass wir wohl ohne Mietauto nicht so viel von Mexiko sehen konnten, wie wir wollten. Nach einem kurzen Preis- und Zeitvergleich beschlossen wir, noch einmal einen Inlandsflug nach Oaxaca zu nehmen, weil wir mit Bus bis in die Nähe von Mexiko City vier Tage straffes Busfahrprogramm gebraucht hätten.

Das zweite Mal Inlandsflug in Mexiko von Mérida nach Oaxaca mit Zwischenlandung in Mexiko City stand an. Gegen Mittag brachen wir dazu im Küstenort Celestún auf. Vorher wollten wir noch die Flamingos sehen, die im Winter zu Massen aus den USA fliehen.(Wer kann es ihnen verdenken?) Fluchtursachen sind gutes Wetter und leckere Krebse, welche den Vögeln die typische Farbe verleihen. Auch hier gibt es abenteuerliche nicht TÜV-konforme Mopedtaxis, die einen für einen schmalen Taler zu den Standplätzen der Flamingos bringen. Der Taxifahrer schmunzelte etwas, als er sah, wie wir uns auch über die Pelikane freuten, die für die Locals wahrscheinlich einfach nur im Hafen zu hunderten herumsitzende, alles vollscheißende Schmarotzer sind.

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Pelikane so weit der Hafen reicht

Für uns war es am Ende sogar mehr Highlight, da sich die Massen an Flamingos leider an diesem Tag etwas versteckten und wir nur ein paar kleinere Gruppen vor sich hin dümpelnde quietschrosa Vögel zu Gesicht bekamen.

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Ein paar Flamingos bekamen wir doch zu Gesicht

Zum Glück waren wir für all das früh genug gestartet, denn unser gebuchter Bus zurück nach Mérida fiel gleich mal ohne Grund aus. Da blieb noch genug Zeit, um alles für den leckeren Avocadodip Guacamole zu besorgen. Die Mexikaner staunten nicht schlecht, als wir dann im Bus eine 1a Guacamole zubereiteten.

Was uns in Oaxaca erwartete, wie wir uns bei unseren Surfversuchen anstellten und wie man einen dreißigsten Geburtstag auf Reise mehr als abenteuerreich verbringt, erfahrt ihr in Teil 3…


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