30.07.2017 – Tblisi (Tiflis)

Nach dem etwas längeren Genuss der ein-zwei Bier gestern, schliefen wir länger. Wir hatten in unserem Hostel nur eine Nacht gebucht und zogen so in ein Guesthouse eine Parallelstraße weiter. Dort erwartete uns schon die Guesthouse-Mutti und lud uns gleich zum Plausch in die Küche ein. Da unser Zimmer noch nicht frei war, ließen wir dort erst einmal das Gepäck stehen und gingen ums Eck, um frisches Obst und Gemüse bei Straßenhändlern einzukaufen. Gestern hatte ich außerdem schon eine Bäckerei entdeckt, aus der es verführerisch duftete und in der wir heute im Holzofen gebackenes Brot kauften. Auch wenn es nicht das erste Mal ist und auch nicht das letzte Mal sein wird, dass ich mich darüber beschwere: Immer im Ausland merkt man erst einmal, wie schlecht unser Obst und Gemüse, unsere Milchprodukte und Brotwaren schmecken. Alles ist dreifach geprüft, sterilisiert und genormt. Alles muss zu allen Zeiten möglichst effektiv und schnell vorrätig sein. So schade, dass wir uns durch diesen Norm- und Sicherheitswahnsinn so weit vom eigentlichen Geschmack der meisten Lebensmittel entfernt haben.
Diese für lächerlich wenige Lari (georgische Währung) erworbenen Produkte verzehrten wir im Guesthouse und gingen dann in der brütend heißen Mittagshitze zur unteren Seilbahn-Station, um auf den Sololaki-Gebirgskamm hinaufzufahren, auf dem die im 3.Jh n. Chr. erbaute und später erweiterte Festung „Nariqala“ liegt. Wir wären wahrscheinlich nicht hinaufgefahren, wenn Christian gewusst hätte, warum seit 2004 eine neue Seilbahn der Firma „Leitner“ erbaut wurde. Die alte stürzte 1990 ab, wobei 20 Menschen umkamen. Die neue Bahn brachte uns jedoch mehr als sicher auf den Berg. Bei annähernd 40 Grad fiel jeder Schritt von der oberen Seilbahnstation hinauf zur Festung schwer. Denkmalpflege wird hier noch nicht groß geschrieben und so darf jeder kostenlos die Festung betreten. Betreten ist eigentlich falsch, denn man klettert mehr auf den maroden Ruinen herum, die natürlich auch durch null Absicherung verhindern, das man ungeliebte Personen durch Foto-Aufforderungen wie „Geh mal noch einen Schritt hinter bitte“ loswerden kann. Wir wurden uns jedenfalls nicht los und genossen den verdienten Ausblick über die Stadt.
Auf dem Weg nach unten aßen wir noch einen Snack und dann trafen wir uns um 17 Uhr auf dem „Freedom Square“ für eine Free Walking Tour durch Tbilisi. Ruben, ein Spanier, der seinen „Nine-to-Five-Job“ satt hatte, umherreiste und nun in Georgien gestrandet war, erzählte uns eine Menge Hintergrundwissen über Georgien und dessen Kultur, Geschichte, Kulinarik und Architektur. Zum Beispiel über die georgische Sprache, die keine Sprachfamilie auf der ganzen Welt hat und unheimlich viele Konsonanten besitzt (für Profis: übt mal den Fluss „Mtkvari“ oder das Kloster „Mtsketha“). Oder dass ein Viertel der Frauen „Nino“ und etwa ein Viertel der Männer „Giorgi“ heißen, was zu einiger Verwirrung führt. Oder dass die Polizei einen kostenlosen Service anbietet, einen (ohne Konsequenzen) nach Hause zu bringen, wenn man zu besoffen zu fahren ist. Da aber keiner der trinkwütigen Georgier zugeben würde, dass er betrunken ist, wird dieses Angebot wohl kaum genutzt.
Ruben führte uns nicht nur in verschiedene Kirchen, um den Unterschied zwischen katholischen und georgisch-orthodoxen Baustil deutlich zu machen, sondern wir gingen auch mit ihm in eine Bäckerei, in der rund um die Uhr Brot im Erdofen hergestellt wird und kosteten „Tschurtschchela“ (Walnüsse am Bindfaden, die man mehrmals in Traubensirup taucht und dann trocknen lässt). Dummerweise fuhren wir dann noch einmal zur Festung „Nariqala“ hinauf, wo wir uns aber noch zusätzlich die Statue „Mutter Georgien“ anschauten. Deren Vorgängerin wurde in den 90-er Jahren in einer Nacht und Nebel-Aktion ausgetauscht, da diese zu große Brüste hatte. Als die (oft betrunkenen) Georgier diese Nacht aus dem Fenster schauten, standen also zwei Mütter auf dem Bergkamm. Da kann man nur entweder noch mehr oder weniger Tschatscha trinken. Wieder unten schauten wir uns noch die Schwefelbäder und die Moschee an. In Tiflis herrscht unter den Religionen eine große friedliche Koexistenz, so dass einige Gebäude an unterschiedlichen Tagen sogar von unterschiedlichen Konfessionen genutzt werden.
Den goldenen Abschluss der Tour bildete eine Weinverkostung, die dann in eine Tschatscha- und Estragonschnaps-Verkostung überging. Um etliche Umdrehungen reicher dankten wir Ruben für diese tolle Tour und gingen auf seine Empfehlung hin essen. Es gab Salat, „Lobio“ (eine Bohnensuppe im Tontopf), „Pkhali“ (gehackter Spinat mit Walnüssen), „kharcho“ (eine Art Gulaschsuppe) und „Apkhazura“ (eine grobe Bratwurst mit Granatapfel). Danach ging es heute noch nur in die Unterkunft. Es ist einfach so unfassbar heiß, dass jeder Aufenthalt draußen einen fühlen lässt, als wäre man einen Marathon gelaufen. Alles in Allem ist Tbilisi auf jeden Fall einen Besuch wert. Der Mix zwischen alten Gebäuden und sehr modernen, die unter dem letzten Präsidenten entstanden sind, ist interessant und es gibt viel zu entdecken. Hinter den Hügeln der Stadt existiert ein 128 Hektar großer Botanischer Garten, in dem man sich entspannen kann, bis die Temperaturen erträglich werden. Schlussendlich ist auch das Nachtleben und die günstigen Preise für diverse Alkoholika nicht zu verachten.

 

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Ein typisch georgisches Graffiti – Khinkali sind eine der Lieblingsspeisen in Georgien
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Auf dem Weg zur Seilbahn
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Auf der Festung Nariqala
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Seilbahn und Blick über Tblisi

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Tblisi im Sonnenuntergang
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Zufluss für die Schwefelbäder

 


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